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„Wir sind Pilger Gottes hier auf Erden, … bis der Herr uns ruft zu seiner Ruh, bis Er öffnet uns die Perlentore“, so heißt es in einem alten Kirchenlied. Doch bevor den Pilgern die Perlentore geöffnet werden, geht die Welt erst einmal langsam, aber sicher ihrem Ende entgegen. Wie und nach welchen Vorzeichen es zu dem Weltuntergang kommen wird, ist in den Briefen und in der „Apokalypse“ des Johannes, dem letzten Teil des Neuen Testaments, zu lesen.

Ein sicheres Kennzeichen für den Beginn des Endes ist, so sagt es Johannes in seinen Briefen, das Erscheinen des Antichrist (1 Joh 4,2–4). Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich daraufhin die Vorstellung entwickelt, dass vor dem Ende der Zeiten eine besonders mächtige Gestalt auftreten werde, die sich gegen Gott stellt und die Menschen verführt, indem sie politische und religiöse Macht vereint und Frieden verspricht, aber Unterdrückung bringt. Doch es naht zunächst einmal Rettung, und zwar durch den Katechon (ὁ κατέχων ho katéchōn), den Zurück- bzw. Aufhalter. Der stellt sich dem Antichrist mutig entgegen und kann dessen üble Weltherrschaft eine Zeit lang abwehren. Nach längerer Zeit mit einer Vielzahl von Katastrophen kommt es schließlich aber doch zu der zum Weltuntergang führenden Endschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“ am Ort Armageddon (von Ἁρμαγεδών Harmagedon), in der Jesus Christus den Antichrist besiegt und alles Irdische endgültig ein Ende hat. So beschreibt es Johannes in seinem Buch „Apokalypse“ (ἀποκάλυψις apokalypsis), was eigentlich Offenbarung heißt, das aber dazu führte, dass heutzutage unter Apokalypse weniger Offenbarung als vielmehr Weltuntergang verstanden wird.

Und dieser, der Weltuntergang, erfährt gerade seine aktuelle Offenbarung im amerikanischen Silicon Valley. Peter Thiel ist es, der sich seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema Antichrist, Katechon und Apokalypse sowie dem möglichen Ende der gegenwärtigen Weltordnung beschäftigt und die Menschheit mit einer Vielzahl von Vorträgen und schriftlichen Abhandlungen vor der aktuellen Gefahr des Antichrist zu warnen versucht. Der amerikanische Tech-Milliadär deutscher Herkunft, u.a. Gründer von Palantir und PayPal, ist derzeit einer der mächtigsten Wortführer paläolibertärer amerikanischer Politik. Dabei spielt auch eine kleine Stelle im zweiten Thessalonicherbrief des Paulus (Thessalonicher 2,6-7) durchaus eine Rolle für rechtes Gedankengut dies- und jenseits des Atlantiks.

Thiel ist der Ansicht, dass wir in die apokalyptische Phase der Welt gleiten, in der die aufklärerische Idee des Fortschritts erschöpft sei. Ohne konkret zu werden, warnen er und die neue Rechte der USA zunehmend mehr vor dem Wirken des Antichrist. Der – eher ein politisches System als eine Einzelperson – gebe sich als vermeintlicher Retter vor der Apokalypse (etwa der Klimakrise) aus und komme dabei jedoch keineswegs als Gewaltherrscher daher, sondern trete vielmehr mit dem Versprechen an, Frieden und Sicherheit zu schaffen. Tatsächlich bringe er aber nur Unterdrückung. Etwa durch weltweite gesetzliche Regulierungen von Wissenschaft, KI und Innovationen oder die Versuche, nationalistische Herrschaftsbestrebungen zu deckeln und globale Kontrollmechanismen zu legitimieren. Verdächtig sind da Organisationen wie etwa die UN oder auch die EU. Soweit also die Seite des Antichrist. Auf der anderen, der guten Seite, der des Katechon, stehen folgerichtig diejenigen, die solche Regulierungen ablehnen und für radikale marktwirtschaftliche Freiheit, ungehinderten technologischen Fortschritt und strammen Kulturkonservatismus stehen, also etwa Donald Trump und seine Gefolgschaft.

Und es ist kein geringerer als Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., auf den sich Peter Thiel bei seinen Endzeitwarnungen beruft. Mit dessen umfangreichem Werk hat sich Thiel offensichtlich ausführlich beschäftigt und zusammen mit Sam Wolfe im Juli 2026 ein Essay veröffentlicht, in dem er Belege für die – tatsächlichen oder vermeintlichen – Endzeitvorstellungen Ratzingers zu bringen versucht. So widmete Ratzinger den letzten Abschnitt seiner Dissertation der Frage, wie und wann wird die Welt enden werde, eine Frage, die er tatsächlich immer wieder aufgriff, auch als Papst, aber nie eindeutig beantwortete. So etwa 2007 in seiner Enzyklika „Spe Salve“, in der er auf die apokalyptischen Worte Immanuel Kants verwies, der 1794 in der Schrift über "Das Ende aller Dinge" gesagt hatte: "Sollte es mit dem Christentum einmal dahin kommen, daß es aufhörte, liebenswürdig zu sein [...]: so müßte [...] eine Abneigung und Widersetzlichkeit gegen dasselbe die herrschende Denkart der Menschen werden; und der Antichrist [...] würde sein (vermutlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes) obzwar kurzes Regiment anfangen.“ In Thiels Essay folgen eine Fülle von Zitaten aus Benedikts Reden und Veröffentlichungen, die letztendlich alle belegen sollen, dass dieser den Antichrist seiner Zeit erkannt habe: Hans Küng. So wie das Motto des Antichrist „Friede und Sicherheit“ laute (1 Thess 5,3), so verwarf Küng einerseits etliche kirchliche Lehrmeinungen und zielte anderseits mit seinem „Weltethos“ auf einen weltweiten, regulierten Friedensprozess.

Doch damit wird Benedikt XVI. missbräuchlich vereinnahmt. Zwar hat er sich mehrfach negativ zu Küng und dessen Kritik an kirchlichen Lehrmeinungen geäußert. Aber er suchte durchaus einen Ausgleich und empfing Küng im September 2005 in einer mehrstündigen Privataudienz zu einem Gespräch zum „Weltethos“ und zum Verhältnis von Naturwissenschaften und christlichem Glauben. Und, ja, Benedikt XVI. glaubte, dass wir in einer Endzeit leben. Aber diese begann für ihn mit Jesus Christus, also vor rund 2000 Jahren. Und so warnte er schon bei einer Generalaudienz im November 2008 vor aktuellen Endzeitszenarien und verwies auf die Petrusbriefe: „Für manche (der ersten Christen) stand die Parusie, das Kommen Christi in Herrlichkeit, unmittelbar bevor, andere waren überzeugt, dass dazu zunächst eine Reihe von tragischen Ereignissen auftreten musste. Durch diese unterschiedlichen Interpretationen wollen wir uns aber nicht zu kalendarischen Voraussagen verleiten lassen...“ Vielmehr gelte es zu erkennen, dass wir in einer „Zwischenzeit“ lebten. Und damit, so Benedikt XVI., wachse für alle von uns die Verantwortung, in der Welt und für diese Welt zu arbeiten. Das heißt, dass wir die Welt aktiv mitgestalten sollen. Zum Beispiel unter anderem dadurch, dass wir vermeintliche Heilsbotschaften aus dem Silicon Valley kritisch hinterfragen.

Christa Tamara Kaul   -   August 2026
 


Links zum Thema

Peter Thiel: Der Papst (Benedikt XVI.) und der Antichrist, 15.07.2026
https://firstthings.com/the-pope-and-the-antichrist/ 

In den Spuren Carl Schmitts: Peter Thiels Kampf gegen den Antichrist, 17.11. 2025
https://tinyurl.com/4ac55c7e 

Benedikt XVI. warnt vor Endzeit-Spekulationen, Audienz 12.11.2008
https://tinyurl.com/y9t9tbed 

Benedikt XVI., Enzyklika „Spe Salvi“ 2007
https://tinyurl.com/mv5jhw2m 
 

 

 

 

 

© Christa Tamara Kaul