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Jürgen Manemann: Revolutionäres Christentum –

Ein Plädoyer
160 Seiten, 2021

transcript Verlag,

ISBN: 978-3-8376-5906-1,

18 Euro

 

 

Revolutionäres Christentum

Revolution für das Leben

  -  oder Voyeur des eigenen Untergangs?

Von Christa Tamara Kaul  -  Dezember 2021

Christentum und Revolution – für viele ein Widerspruch. Muss es aber nicht sein – wenn man die Botschaft ernst nimmt und die Anfänge bedenkt. Und auf dieser Basis Veränderung einfordert. Aber leider, so sieht es der Philosoph und Theologe Jürgen Manemann, habe die Kirche (gemeint ist vorrangig die katholische) derzeit nicht nur Furcht vor der Welt, sondern vor allem vor ihrer eigenen Botschaft. Da helfe vielleicht ziviler Ungehorsam.

Drei, teilweise ineinander greifende, Problemfelder beherrschen unsere Gegenwart: Erstens die Klima- und Umweltkrise, bisweilen auch Ökozid genannt, also die Schädigung der Umwelt, teilweise sogar der Verlust von ganzen Ökosystemen durch menschliches Handeln in einem Ausmaß, das sogar die Existenz der Menschen vieler Gebiete unserer Erde gefährdet. Zweitens die Demokratiekrise, die derzeit besonders durch Rechtspopulismus und Rechtsextremismus angefeuert wird. Und drittens die Corona-Krise, durch die das gesellschaftliche Zusammenleben beeinträchtigt, teilweise sogar destabilisiert wird, und die die beiden anderen Problemlagen noch verschärft. Eine, wenn nicht sogar DIE entscheidende Frage angesichts dieser Lage ist für Jürgen Manemann, ob das Christentum – zum einen grundsätzlich und zum anderen und vor allem in seiner heutigen Form – in der Lage ist, für diese Probleme sinnvolle Lösungen anzubieten und an der Krisenbewältigung mitzuwirken.

Nicht ganz unwichtig ist zu wissen, dass Jürgen Manemann Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (FIPH) ist. Einer katholischen Institution mit Denkfabrik-Charakter im „Kerngebiet“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und dass er deutliche Sympathien für Aktionen zivilen Ungehorsams hegt, wie er es u.a. bei der Unterstützung der berühmt-berüchtigten Extinction Rebellion-Bewegung gezeigt hat. Ebenso wichtig ist zu betonen, dass Manemann stark geprägt wurde durch den Theologen Johann Baptist Metz, bei dem er 1993 promovierte. Der Fundamentaltheologe Metz wiederum war ein Schüler Karl Rahners. Er gilt als einer der bedeutendsten Theologen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und als Begründer der neuen Politischen Theologie. Fest stand für Metz der notwendige Abschied vom bürgerlichen Zeitalter des Christentums (J.B.Metz: Jenseits bürgerlicher Religion, 1980). Wobei ihm klar war, dass dies Angst und Katastrophenbewusstsein hervorrufen würde, zumindest in der „Ersten“, also der bürgerlichen Welt. Dennoch hoffte er in dieser Situation auf eine Erneuerung der Religion, weil sonst „in einer nachbürgerlichen Gesellschaft schließlich die Barbarei der blinden Negation des einzelnen ausbrechen“ würde.

Bürgerliche Religion bedeutet bei Metz: Nicht die Religion verändert den Bürger, sondern der Bürger schneidert sich die Religion aus verschiedenen Inhaltsstücken zu einem ihm passenden Gebrauchsgegenstand zusammen. Genau diesem Gedankengang folgt auch Jürgen Manemann, der seinen Doktorvater in dem vorliegenden Buch vielfach zitiert. Und er stellt zudem die Frage, ob das Christentum mit seiner zentralen Botschaft der Auferstehung womöglich eine Lösung für ein Problem bietet, das für viele Menschen (der bürgerlichen Gesellschaft) gar nicht mehr existiert. Weil sie zwar noch Angst vor dem Sterben (d.h. der Art des Sterbens) haben, aber kaum noch vor dem Tod (als endgültigem Ende). Bietet also das Christentum mit seiner Auferstehungshoffnung die Lösung für ein Problem, das für viele Menschen gar nicht (mehr) existiert? Und ist das Christentum somit als Lebensform gescheitert?

„Doch Christentum als bürgerliche Religion ist nicht die Religion des Evangeliums.“ Sich auf Christus zu besinnen, auf seinen Herrschaftsanspruch, heiße, seine Botschaft und Wahrheit konkret werden zu lassen. Und das bedeute für die Schwächsten in der Gesellschaft einzustehen, also konsequente Nächstenliebe, Solidarität und Verantwortung für die Gemeinschaft. „Die Aufspaltung der Liebe in privat und politisch ist die eigentliche Häresie des Christentums“, meinte schon vor vielen Jahren Franz Alt. Hinzu kommt, wie Manemann darüber hinaus betont, das fast schon konsequente Wegsehen der Kirche von der Leidensgeschichte der nichtmenschlichen Lebewesen, also vorrangig der Tiere. Und das, obwohl in der Präambel des Tierschutzgesetzes von 1986 das Tier als „Mitgeschöpf“ bezeichnet wird. Diese Nähe zu den nichtmenschlichen Lebenswesen sei die Voraussetzung dafür, die Leiden der „Mutter Erde“ wahrzunehmen. Immerhin hat Papst Franziskus bereits 2015 in „Laudato si“ erklärt: „Ich möchte daran erinnern, dass Gott uns so eng mit der Welt, die uns umgibt, verbunden hat, … dass das ewige Leben … ein miteinander erlebtes Staunen sein (wird), wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen wird …“.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Kirche(n) die ökologische Krise und da besonders die notwendige Energiewende nicht erkannt hätte(n). Aber das „tendenziell randständige Engagement der Kirchen“ beschränke sich leider meist nur auf die eigene Gemeinde. „Umfassendere Projekte sind nicht zu finden.“ Der Kirche falle jedoch die Aufgabe zu, prophetische Kritik als interne Gesellschaftskritik zu betreiben Als Lebensform habe die Kirche nur dann eine Zukunft, wenn sie sich als lernende Kirche verstehe und quasi über den eigenen Kirchenturm hinausblicke. Dabei gehe es weder um eine „Divinisierung“ der Welt und schon gar nicht um deren „Hominisierung“. Sondern um eine Befreiung. Und wovon? Vielleicht von den Menschen, müsste da wohl eine Frage lauten. Nicht unbedingt, aber vom Kapitalismus, so der Autor.

„Die Lebensform ‚Kapitalismus’ bietet keine Lösungen für die von ihr verursachten Probleme. Im Gegenteil! Sie wirkt krisenverstärkend. Um das zu ändern, bedarf es einer ‚Revolution für das Leben’.“ (Wobei Manemann mittels Fußnote klarstellt, dass er damit nicht den „Marsch für das Leben“ meint, der von „fundamentalistischen Christ*innen“ organisiert wird.) Diese „Revolution zielt nicht auf die Abschaffung des Eigentums, sondern auf die Transformation desselben.“ Das heiße, die Lebensgrundlagen wie beispielsweise Wasser oder Grund und Boden zu vergesellschaften und von der „Sachherrschaft“ der Eigentümer zu befreien. Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang das Zitat aus der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanische Konzil von 1965 zu erwähnen: „Wer aber sich in einer äußersten Notlage befindet, hat das Recht, vom Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen.“

„Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Dieser von Theodor W. Adorno stammende Ausspruch verbindet sich – fast zwangsläufig – mit Hoffnung. Und die Hoffnung, also die Möglichkeit einer Veränderung, kann eine Kraft zum Utopischen wecken (was nicht mit Utopie zu verwechseln ist). „Wir spüren etwas von dieser Kraft, wenn wir … beginnen, verkrustete Verhältnisse und Strukturen zum Tanzen zu bringen. Dazu müssen wir aber selbst anfangen zu tanzen.“ Und da kommt dann doch die – zu Beginn des Buches ja scheinbar kritisch zitierte – christliche Auferstehungshoffnung zum Tragen. Denn diese beinhalte die Weigerung, den Tod anderer einfach zu akzeptieren.

Hoffen auf Auferstehung heißt Aufstehen für eine neue Welt, und das heißt Revolte, da es, nach Ansicht des Autors, „keine christliche Hoffnung ohne Revolte gibt“. Die anstehende Revolte sei aber nicht mit früheren Revolutionen zu vergleichen. Sie stehe im Verhältnis zum „Reich Gottes“. Und „Reich Gottes“, hier zitiert Manemann den evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer, „meint eine Revolution, die wir nicht machen können, die aber an uns geschehen muss. … Die Revolution, die wir nicht machen, befähigt uns zu der Revolution, die wir zu machen haben.“ Sie bezeichne „eine Veränderung in den Grundlagen eines ökonomischen, politischen, moralischen und seelischen Systems.“ Das Hören der Verheißung des Reiches Gottes befreie zum Bewahren wie zum Verändern der Gegenwart, der Welt, der Schöpfung. „An der Zeit wäre eine kairós-empfindliche Kirche, die gegen das Aussterben ankämpfte, indem sie die Gelegenheit ergriffe, die „Revolution für das Leben“ endlich mit voranzutreiben.“

Voranzutreiben etwa, indem gegen die Umweltvergehen von Konzernen entschiedener vorgegangen und der Ökozid als Menschenrechtsverbrechen eingestuft wird. Vor allem aber sollten die christlichen Kirchen über Konfessionsgrenzen hinweg den Ökozid und die Klimakrise zu ihrem Anliegen machen. Wobei zur Durchsetzung der Ziele auch gewaltfreier ziviler Ungehorsam ein Mittel der Wahl sein kann und sollte. Gemäß der Ansicht von Jürgen Habermas, dass ziviler Ungehorsam ein Widerstand ist, der „mit den Verfassungsgrundsätzen einer demokratischen Republik“ im Einklang stehe. Er sei also kein wirklich revolutionärer, sondern ein symbolischer Akt, der in der Absicht durchgeführt wird, an die Einsichtsfähigkeit und den Gerechtigkeitssinn der jeweiligen Mehrheit zu appellieren.

Jürgen Manemann bietet mit seinem Buch „Revolutionäres Christentum“ ein engagiertes Plädoyer für die dringende, die tatsächliche Verwirklichung vielfach gepredigter Ziele in Kirche und Politik – zur Rettung der Umwelt, zur „Erhaltung der Schöpfung“. Er liefert dabei weder eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Analyse des kirchlichen, gesellschaftlichen oder innerweltlichen Ist-Zustandes noch eine einfache Betriebsanleitung. Wohl aber zeigt er Perspektiven eines möglichen christlichen Beitrags zur Lösung der aktuellen Krisen. Krisen, die alle menschengemacht sind. Und zu deren Bewältigung es, in Anlehnung an J. B. Metz, der „Umkehr der Herzen“, also eines durchaus christlichen (Um-)Denkens und Handelns bedarf. Er zeigt, dass engagierte Religiosität mehr ist als wiederkehrende Kirchentagsrituale. Und er weist auch auf Zusammenhänge zwischen Umwelt- und Demokratiekrise einerseits und Legitimitäts- und Glaubenskrise der Kirche(n) andererseits hin. Das heißt nicht unbedingt, dass seine philosophischen und politischen Ansätze und Bezugnahmen jede/n ausnahmslos überzeugen werden.

Alles in allem: Ein lesenswertes Buch mit starkem Aufrüttlungspotenzial und breitem Hintergrund an theologischem, philosophischem und soziologischem Basismaterial. Allerdings ist die Sprache streckenweise gewöhnungsbedürftig. Fast wirkt es bisweilen wie orthographisch-ziviler Ungehorsam, wenn beispielsweise kräftig drauflos „gegendert“ wird oder wenn etwa das Wort Gott – in Anlehnung an die orthodox-jüdische Praxis – ohne den Vokal und stattdessen mit einem Platzhalterzeichen geschrieben wird. Auch der gleich zu Anfang definierte Begriff des „wir*“ irritiert, fast so, als betreffe dieses „wir*“ nur die sehr überschaubare Gruppe von „Christ*innen“ der Befreiungstheologie des letzten Jahrhunderts bzw. der Politischen Theologie. Sowohl dem Sprachfluss als auch dem Schriftbild wurde damit kein Gefallen getan.


Jürgen Manemann: Revolutionäres Christentum – Ein Plädoyer
160 Seiten, transcript Verlag, 2021, ISBN: 978-3-8376-5906-1, 18 Euro



 

 


 

                                             

© Christa Tamara Kaul