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War Kant Deutscher?

Was ein Vogelschiss in manchem Gehirn anrichten kann


 

Christa Tamara Kaul    Mai 2019

 

Mit der Identität ist das so eine Sache – zwar hat wohl jede und jeder eine. Aber sie zu definieren ist schwer – meistens jedenfalls. Dass die Themen deutsche Identität und Patriotismus in Deutschland – mal wieder – hoch im Kurs stehen, ist dem prekären Umgang damit seitens einiger stramm Rechter und deren links entrüsteter Antipoden zu verdanken.


Den Gegner mit dessen eigenen Waffen schlagen – ach ja, das wär’s doch! Das ist die Königsdisziplin der Auseinadersetzung. Leider haben dabei allzu oft Pathosformeln und Moralfloskeln Hochkonjunktur. Wie eben bei dem in der letzten Zeit an Vehemenz zunehmenden Schlagabtausch zum Themenbereich Patriotismus und deutsche Identität. Etwa als Alexander Gauland mit seinen historischen Etüden dem Holocaust als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte die über tausend Jahre "Erfolgsgeschichte" gegenüberstellte. Auf die „wir“, also die Deutschen, stolz sein könnten. Und sofort quollen die Fragen auf, ob „wir“ tatsächlich irgendeinen Grund hätten, darauf stolz zu sein? Und vor allem – wer ist überhaupt Deutsche und Deutscher? Und – war Kant eigentlich Deutscher? Wo er doch in Königsberg lebte. Und das gehört zu Russland, heute.

Letzteres beispielsweise fragte denn vor einiger Zeit Spiegel-Online-Kolumnist Christian Stöcker (SpOn 10.06.2018),  um dann knallhart aufzutischen, dass die deutsche Geschichte aber wirklich keinerlei Anlass zu Stolzgefühlen hergäbe. Angesichts der „Katastrophen“, die dieser Geschichte innewohnen, angefangen beim Kreuzzug von 1095 unter maßgeblicher Beteiligung „deutscher“ Ritter über die Pestepidemie (eine Krankheit als Geschichtskriterium?), die 1349 das Gebiet des heutigen Deutschland erreichte und 25 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung, dahinraffte, weiter über die vom 15. bis ins 19. Jahrhundert dauernden Hexenverfolgungen (die es bekanntlich in fast ganz Europa gegeben hat) bis schließlich zu 1914, also dem Ersten Weltkrieg. Dessen Bonus: "Die bekanntlich enorm erfolgreiche „Weimarer Republik“ wurde durch diesen deutschen Top-Erfolg überhaupt erst möglich.“ Soweit O-Ton Stöcker, seines Zeichens Kognitionspsychologe. Ach, ja, und dann warf er noch die bereits erwähnte Frage auf, ob Kant überhaupt Deutscher war, wo er doch in Königsberg lebte. Und das gehört -  heute  -  bekanntlich zu Russland, annektiert in der Folge des Zweiten Weltkrieges.

Gut, auf die Frage nach Kants „Deutschsein“ muss jemand mit (zumindest) hinlänglicher Allgemeinbildung erst einmal kommen. Doch bei aller Verblüffung merkte man bald: Ach, der will ja nur spielen, um – äh, ja – um was eigentlich zu verkünden?

Die Geschichte eines Landes auf eine Art „best or worst of“ zusammenraffen zu wollen, hat etwas von dem Niveau eines mittelprächtigen Schüleraufsatzes. Auch wenn Stöcker es offenbar kaum glauben kann, so geht es bei der Geschichte mit ihren identitäts-, kultur- und bewußtseinstiftenden Abläufen vorrangig nicht darum, ob jemand Arminus den Cherusker, die Schlacht von Fehrbellin, die Eroberung Schlesiens durch den alten Fritz oder die Reichsgründung durch Otto von Bismarck irgendwie schätzt oder stolz darauf ist. Es geht darum, dass diese Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen uns geprägt hat und vielfach bis heute beeinflusst und ausmacht, dass all dies uns als gemeinsames Narrativ verbindet und von anderen unterscheidet. Darin kann eine ebenso dämonische wie inspirierende Kraft liegen. Die Sicht, die sich sowohl ein Alexander Gauland als auch ein Christian Stöcker zu eigen machen, ist – wie es in einem Kommentar dazu hieß – nichts anderes als eine Art ideologischer Wühltisch, wo sich jeder seine Sonderangebote raussucht und den Rest liegen lässt.

 

Oben: Titelfoto des Internetauftritts der Deutschen Bahn: Abbildung der deutschen Gesellschaft?

 

Unten: Alternativvorsschlag der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)

 

 

 

In einem 3sat-Beitrag aus dem Jahr 2006 definierte Arnulf Baring, Politikwissenschaftler und Historiker, den Unterschied zwischen Volk und Nation so: Ein Volk ist naturgegeben, in dessen Zugehörigkeit wird man hineingeboren. Eine Nation dagegen basiert auf dem Willen der sich in ihr zusammenschließenden Menschen. Sie kann man sich – zumindest theoretisch – aussuchen. Und dazu bekennen. Was gemeinhin als Patriotismus bezeichnet wird und nicht mit Nationalismus zu verwechseln ist. Der Begriff kommt von „patria“, Vaterland, und bedeutet die gemeinsame Verantwortung für eine territorial umgrenzte Gemeinschaft. „In meiner Sicht“, so Bahring, „schließt sie auch alle diejenigen Ausländer ein, die sich zu unserer Sprache, unserer Geschichte und Kultur bekennen, sich in sie integrieren. Ich glaube, es ist selbstverständlich, dass wir als Deutsche nicht nur diejenigen definieren wollen und können, die deutscher Abstammung sind. Wer zu uns kommt, auf Dauer bleiben möchte, darf, soll, ja muss – nicht sofort, sondern im Laufe der Jahrzehnte – zum Deutschen werden. Nur dann kann die Integration gelingen, die Entstehung einer isolierten – und damit latent feindseligen – Parallelgesellschaft verhindert werden.“

Die Frage nach nationaler Identität ist nicht im Geringsten mit Nationalismus gleichzusetzen und hat auch nichts mit einer Verklärung der Vergangenheit zu tun, die bekanntlich – wie überall auf der Welt – Höhen und Tiefen hat. Auch wenn diese Verklärung oder sogar Verdrehung derzeit mal wieder mehrfach –  besonders abstoßend gerade jetzt in Polen – Hochkunjunktur hat. Nationale Identität muss immer wieder hinterfragt und definiert und durchaus auch mit Selbstbewusstsein vertreten werden. Gerade weil sie sonst von der falschen Seite, etwa von den sogenannten Identitären, vereinnahmt zu werden droht.
 

Und nun auch noch das – die Affäre zwischen Deutscher Bahn und Freiburgs Oberbürgermeister Boris Palmer wegen einer Werbekampagne mit "Volksdarstellung". Was die Bahn-Werber dabei bewogen haben könnte, lässt sich allenfalls vermuten: Vielleicht wollten sie die „Weltoffenheit“ ihres Unternehmens vorbildlich plakatieren und bildeten deshalb „die deutsche Gesellschaft“ ausschließlich „bunt“, also migrationshintergründig ab. Was sie definitiv   -  zumindest noch -  nicht ist. Wenn es der Bahn also darum ging, einen tatsächlichen Querschnitt  "unserer bunten" Gesellschaft zu zeigen, dann ist das misslungen. Denn die durch Bildauswahl aufgedrängte Aussage ist ebenso daneben gegriffen wie der Gaulandsche „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte. Mit einer solchen komplementären Idiotie von rechts und links und/oder schlichter Denkunfähigkeit muss die – noch – denkfähige Mehrheit der Gesellschaft verantwortungsvoll, d.h. ausgleichend umzugehen lernen.

 

Mit exzellenter Ironie reagierten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf die Diskussion, indem sie das gegenseitige Gegacker ins Lächerliche zogen. In einem Facebook-Post bot das Unternehmen Fotos von der TV-Maus, der Comicfigur Spongebob Schwammkopf und Actionheld Spiderman, jeweils auf den Sitzen von U- und Straßenbahn an. Sozusagen als Alternative zur Gesellschaftstypologie der Deutschen Bahn.


Sicher zeigt die aktuelle Vorliebe für tatsächliche oder vermeintliche identitätspolitische Skandale, dass wir derzeit ohne wirklich lebensgefährliche Probleme, also ziemlich sorgenfrei leben – aber eben auch, dass wir – oder richtiger: so einige von uns, also von uns Deutschen? – Probleme mit der nationalen Identität haben. Doch die Lächerlichkeit solcher Auseinandersetzungen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die  Empörungsbereitschaft bei Fragen der Identität ein Zeichen der Schwäche in dieser Hinsicht ist.

 

 

 

 


 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul