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Transhumanismus


Nietzsches Übermensch – bei -273°C schockgefrostet

Christa Tamara Kaul   -   März 2017

 

Früher oder später merken es so ziemlich alle: Der Mensch ist nicht perfekt. Der Körper ist verletzlich, die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten sind begrenzt, und recht schnell sagt dann auch noch der Tod „Hallo!“. Bisher jedenfalls. Doch das lässt sich ändern. Sagen Anhänger des Transhumanismus. Unheilbare Krankheiten und Sterben – das war gestern!

 



Herztransplantationen, künstliche Hüftgelenke, eine neurologisch gesteuerte Kunsthand oder stählerne Unterschenkel für amputierte Weitspringer, die an den Paralympics teilnehmen – alles kein Problem mehr. Hier werden Faszination und Leistungsfähigkeit moderner Medizin und Hochtechnologie erkennbar. Manche Prothesen haben bereits jetzt mehr Potenzial als die natürlichen Gliedmaßen, die sie ersetzen. Und die Entwicklung der technologiebasierten Optimierungsarbeiten an Mensch, Gesellschaft und Umwelt schreitet mit atemberaubender Geschwindigkeit weiter voran. Allerdings manchen, allen voran den Transhumanisten, nicht schnell und vor allem nicht weit genug, es geht ihnen längst um wesentlich mehr. Nämlich darum, auch den gesunden „normalen“ Menschen mittels Technologie konsequent auf eine höhere Entwicklungsstufe zu katapultieren. So ganz neu ist das allerdings nicht. Forderte nicht schon Friedrich Nietzsche – am explizitesten in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ (1883–85) – die Weiterentwicklung des Menschen zu einem neuen Typus, der mit deutlich höheren Fähigkeiten ausgestattet und den heutigen Vertretern dieser Spezies haushoch überlegenen sein sollte? Er nannte ihn „Übermensch“ und verlangte von ihm sowohl eine geistige als auch eine biologische Überlegenheit.

Der „Transhumanismus“, als Begriff zusammengesetzt aus den lateinischen Wörtern trans (=jenseits, darüber hinaus) und humanus (=menschlich), setzt diesen Gedanken fort. Es ist eine relativ junge, derzeit noch überwiegend in den USA und Großbritannien zu findende Philosophie- und Denkrichtung, deren Verfechter – über Nietzsches Ideen hinausgehend – darauf setzen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch technologische Verfahren fundamental zu erweitern, ja sogar die Grenzen zwischen Mensch und Maschine aufzuheben. In der Literatur taucht der Begriff wohl erstmals bei dem Biologen und Eugeniker Julian Huxley auf, und zwar in seinem 1957 veröffentlichten Buch „New Bottles for New Wine“. Die Interessen und Werte der Menschheit werden dabei als Verpflichtung zum absoluten und logischen Fortschritt im Rahmen der Evolution angesehen – zielführend durch die Verschmelzung von Mensch und Technik eben zu so genannten Transhumanen, oft auch als Cyborgs bezeichnet. Die, so stellte es der transhumanistische Philosophen FM-2030 (bürgerlich: F.M. Esfandiary) in seinem 1989 veröffentlichten Buch „Are You Transhuman?“ dar, bilden die erste Manifestation einer neuen Art im Rahmen der Evolution und ähneln damit „den ersten Hominiden, die vor vielen Millionen Jahren (in Afrika) die Bäume verließen und begannen sich umzuschauen“.



Gottes Werk und der Technik Beitrag: Cyborgs sind – zwar noch – eine kleine Randgruppe. Doch zunehmend mehr Menschen lassen sich bereits entsprechend aufrüsten. Etwa dadurch, dass sie sich Magnete in die Finger spritzen, mit denen sie elektromagnetische Felder wahrnehmen können; Chips unter die Haut pflanzen lassen, mit denen sie Türen öffnen können (funktioniert bei Katzen und Katzenklappen schon länger prima) oder sich Module in den Schädel implantieren lassen, die ihre Sinneskapazitäten um ein Vielfaches erweitern. Etwa wie bei dem Briten Neil Harbisson, der sich für den ersten echten Cyborg der Welt hält. Er ist von Natur aus farbenblind und kann nun dank einer an seinem Kopf angebrachten Antenne Farben hören. Und zwar dadurch, dass ein Sensor die Farben in seinem Sichtfeld scannt, die dann mittels des Chips an seinem Schädel in Töne umgewandelt werden. Doch es kommt noch besser: Harbisson kann so nicht nur alle Farben im sichtbaren Farbspektrum hören, sondern auch die für „Normalos“ unsichtbaren, also etwa Ultraviolett und Infrarot. Konsequenterweise hat er die „Stiftung Cyborg“ mitgegründet – eine internationale Organisation, die Menschen hilft, Cyborgs, also Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine, zu werden.
 

 


Der neue Traum vom ewigen Leben – ewigem Leben auf Erden, versteht sich – scheint damit in greifbare Nähe zu rücken. Nicht zuletzt aufgrund der Eugenik, also der Zucht bestimmter Menschentypen mittels Genmanipulation. Und aufgrund der Kryonik-Institute – etwa der Firmen Alcor ( www.alcor.org) und Cryonics ( www.cryonics.org)  in den USA sowie KrioRus ( http://kriorus.ru/en) in Russland, die heute schon Menschen bei –196° bis –273°C einfrieren, um sie in fortgeschritteneren Zeiten zu neuem Leben zu erwecken. Mit dem massiven Vertrauen in die Technik der Zukunft fließt diesen transhumanistischen Protagonisten auch viel Geld in die Kasse. Denn die Gruppe der Ewig-leben-Wollenden, die zum Kundenkreis der Kryonik-Institute zählt, soll mehrere Tausend Personen aus der ganzen Welt umfassen. Etwa 400 von ihnen sollen ihren Körper bereits einer Kältebestattung unterzogen haben. Sie harren nun in teils unterirdischen Tanks mit flüssigem Stickstoff ihrer Wiedererweckung, und zwar zu einer Zeit, in der ihre Krankheiten und Todesursachen behoben werden und sie gesund weiterleben können. Zu hoffen ist, dass sie nicht übel enttäuscht werden ob des dann möglicherweise fatalen Zustandes unserer Erde. Immerhin gab schon Sokrates (469 – 399 v. Chr.) zu bedenken: „Niemand kennt den Tod, es weiß auch keiner, ob er nicht das allergrößte Geschenk für den Menschen ist.“


 

 


Klar, dass das Thema „Die Welt ohne uns“ fast zwangsläufig Künstler in seinen Bann zieht. So wurden Anfang des Jahres in der gleichnamigen Ausstellung im „Dortmunder U“ Arbeiten gezeigt, die Erzählungen über das Zeitalter der nicht-menschlichen Akteure“ visualisierten. In diesem – bislang fiktiven – Post-Anthropozän haben andere Lebensformen – Algorithmen, KIs, künstlich erzeugte Nanopartikel, gentechnisch veränderte Mikroorganismen – längst die Macht übernommen. Vor einem solchen Zukunftsszenario warnte kürzlich auch Tesla-Chef Elon Musk mit der klaren Aussage, dass Künstliche Intelligenz die Menschheit in Zukunft bedrohen werde. Als Lösung des Problems sieht auch er die Symbiose von Mensch und Technik, also die Entwicklung hin zu Cyborgs, d.h. Transhumanen. Der israelische Autor Yuval Noah Hararis prophezeite in seinem Buch "Homo Deus" sogar eine göttliche Zukunft, in der allein des Menschen Wille geschehe: „Gott ist tot, es dauert nur eine Weile, den Leichnam loszuwerden.“ Fragt sich, ob dieser Posthumanismus – so er denn tatsächlich eintreten sollte – ein Vor- oder Nachteil für die Welt wäre.

Sind wir also auf dem Weg vom ehemaligen Super-Gau der Evolution über den Homo Superior zum Techno-Sapiens oder gar zum Homo Deus? Oder ist das Meiste davon nur phantasiereiche Science Fiction? Auf jeden Fall stehen wir vor schwierigen medizin-ethischen und weltanschaulichen Fragen. Wie viel Übermensch wollen wir, wie viel vertragen wir? In Deutschland ist die entsprechende Rechtslage noch ungeklärt. Rechtzeitiges Nachdenken kann nicht schaden. Immerhin haben Menschen bisher noch immer das getan, was technisch möglich war.


Einige zusätzliche Links

De:Trans – Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus e.V.
http://www.transhumanismus.demokratietheorie.de/2006/12/28/detrans-deutsche-gesellschaft-fur-transhumanismus-ev/ 

The Institute for Ethics and Emerging Technologies
http://ieet.org/ 

Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik
https://cyborgs.cc /

CRYONICS Institute Germany e.V.
http://www.cryonics.de/home.htm 

Transhumane Partei
http://transhumane-partei.de /

 

 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul