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Mehr Menschlichkeit mit Tieren

 

Ein Plädoyer

 

Von Eugen Drewermann

 

 

Daß der Kosmos räumlich eine sphärische Gestalt besitze, bewies im 13. Jahrhundert Roger Bacon mit einem recht bemerkenswerten Argument: die Rotation der Körper würde sonst ein Vakuum erzeugen. Moralisch erzeugt das nicht-holistische Welt- und Menschenbild des (christlichen) Abendlandes seit Jahrhunderten in immer schnellerer Drehung ein immer größeres Vakuum, denn es kreist einzig um den Menschen.

 

Unter Sittlichkeit versteht es allein die Rücksicht auf den Menschen, und am Menschen sieht es als Träger der Sittlichkeit einzig das Denken, die praktische Vernunft. Beides hängt miteinander zusammen: ökologisch die Isolation des Menschen von der ihn umgebenden Natur und psychologisch die Isolation der Vernunft vom Gefühl. Die Strukturbedingung einer solchen Ethik ist die Unterdrückung: anthropologisch in der Unterwerfung des Empfindens und des Fühlens unter das Diktat des Denkens, kosmologisch in der "Dienstbarmachung" der Welt durch das wachsende Herrschaftswissen der Neuzeit. "Wachset und mehret euch" und: "Machet euch untertan" und: "Herrscht über die Tiere" - diese "göttlichen" Worte am Anfang der Bibel (Gen 1,28) sind sicher nicht der Grund, wohl aber der vollkommenste Ausdruck dieser radikalen Anthropozentrik von Religion und Ethik im Abendland. Die pflichtweise Zerstörung der Gefühle ebenso wie die mutwillige Zerstörung der Natur an unserer Seite bedingen einander wechselseitig und treiben sich immer rascher voran: Die verwüstete Welt verinnerlicht sich als Wüstenei der Seele und die Angst vor dem Hohlraum des eigenen Inneren rückentäußert sich als Vergleichgültigung, als "Neutralisierung" immer größerer Bereiche der Weltwirklichkeit.

Drei Beispiele - Massentierhaltung, Artenregulierung und Überbevölkerung - mögen zeigen, wo wir heute sehen.

 

Seit etwa zwei Jahren vermehren sich die Hinweise, daß einige Fälle der an sich recht seltenen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit in Bayern mit dem Verzehr von Rindfleisch aus England zusammenhängen könnten; dort hat die Ernährung von Rindern mit Schaffleisch sowie mit Schlachtabfällen von Rindern zu dem vereinzelten Ausbruch von "Rinderwahnsinn" (BSE) geführt, und es scheint nicht ausgeschlossen, daß diese Krankheit auf den Menschen übertragbar ist. Objektiv handelt es sich dabei um nichts anderes als um einen "begründeten Anfangsverdacht"; doch als sich im März 96 die Medien europaweit des Themas annahmen, brach der "Schlachtviehmarkt" um 50% ein, und die Europäische Union setzte fest, daß ca. vier Millionen Rinder in England zu töten seien. Der Beschluß selber galt als gesundheitspolitisch unumgänglich, sah man sich doch dem Problem gegenüber, das "Vertrauen" der Konsumenten in die "Güte" "landwirtschaftlicher Tierprodukte" wiederherzustellen; die einzige Schwierigkeit, um deren Lösung tagelang gefeilscht wurde, bestand in der Höhe der Subventionen der Fleischvernichtung: 80%, wie die Briten forderten, oder 70%, wie vor allem die Deutschen und Franzosen im Höchstfall zu zahlen bereit waren. Keinerlei Frage richtete sich auf das, was die Gesetzgebung aller zivilisierten Länder der Agrarindustrie als "artgerechte Tierhaltung" bei der "Fabrikation" von "Schlachtfleisch" zur Auflage macht und was in der Praxis auf eine grandiose Heuchelei und Augenwischerei hinausläuft.

 

Nehmen wir, statt der britischen, nur die deutschen Verhältnisse. "Artgerecht"? 63% aller Rinder, einschließlich Kälber, wird in Großbeständen von über 100 Tieren gehalten, über 66% der Mastschweine, 83% der "Legehennen" werden in Beständen von über 1000 Tieren gehalten, bei den "Masthühnern" beträgt die Zahl sogar 99%. Was diese Zahlen tatsächlich bedeuten, mag die "normgerechte" und "normale" Lebensgeschichte eines Kälbchens in deutschen Stallungen verdeutlichen: Acht Tage nach seiner Geburt wird das "Jungtier" von seiner Mutter getrennt und in die "Mastanstalt" transportiert, wo es mit Medikamenten vollgepumpt wird und als Nahrung fortan einen Magermilchtrunk erhält, der zu Durchfällen und allmählicher Austrocknung führt. Das Tier erhält aber kein Wasser, sondern es soll durstig auf den zunehmend mit Nährstoffen angereicherten Milchpudding bleiben, den man auf 38 Grad erwärmen muß, um weitere Durchfälle zu vermeiden. Die Folgen: Die Tiere schwitzen beim "Essen", Juckreiz tritt auf, so daß die Tiere mit der Zunge sich zu lecken beginnen; dabei geraten die ausgerissenen Haare in den Pansen und bilden Fäulnis und Giftstoffe. Das alles geschieht, damit die Kälber jeden Tag mehr als ein Kilogramm zunehmen. In den Milchpudding wird nur sehr wenig Eisen gemengt, damit die Tiere blutarm bleiben und ihr Fleisch später auf dem Tisch schön weiß aussieht. Schwere Atembeschwerden und Kreislaufstörungen stellen sich ein; doch man kann sie vernachlässigen, denn bald schon wird das Kälbchen seinen Sarg aus vier Brettern verlassen, um mit Hunderten anderer Unglücklicher im städtischen "Schlachthof" "angeliefert" zu werden. In seinem ganzen Leben hat es nie eine Weide betreten, es hat nie mit seinesgleichen gespielt und getollt, es hat nie den Himmel und die Sonne gesehen, sein ganzes Leben war eine einzige Qual, die den "Züchtern" und "Tierhaltern" indessen für so "erfolgreich" gilt, daß sie unter dem Konkurrenzdruck der EU-Marktrichtlinienordnung inzwischen zur Standardausrüstung auf den existenzbedrohten Höfen zählt und als geradezu vorbildlich in die Länder der Dritten Welt exportiert wird.

 

Und so geht es allen "Nutztieren". Allein in der Bundesrepublik vegetieren jährlich mehr als 250 Millionen von ihnen auf diese Weise dahin: Hühner in Käfigen, deren Fläche so "groß" ist wie eine Schreibmaschinenseite, Schweine in lebenslanger "Anbindehaltung", ohne Streu, auf Betonböden, einzige Bewegungsform: aufstehen, hinlegen, fressen, sterben.

Natürlich weiß man, daß die Massentierhaltung in keiner Weise als "artgerecht" zu betrachten ist, doch was verschlägt das gegen die "Eigengesetzlichkeit" des Marktes? Die ökonomischen "Sachzwänge" treiben in Frankreich und Deutschland etwa 70% aller Bauern in den Ruin, schon weil die Politik der herrschenden Regierungen auf die Profitmaximierung des Großkapitals besonders in der Zulieferindustrie dieses so naturwidrigen Umgangs mit lebenden Wesen hinausläuft.

In unserem Zusammenhang ist jedoch ein Gesichtspunkt besonders bemerkenswert: Die ganze gigantische Tierquälerei stellt sich allererst selbst in Frage, sobald sie die unmittelbaren Interessen von Menschen berührt, nicht früher und nicht später. Dann aber genügt eine bloße medizinische Mutmaßung, um vier Millionen Tiere per Gesetz zum Tod zu verurteilen und ihre Kadaver in den Verbrennungsöfen der Kraftwerke zu "entsorgen". Und eben das ist der Punkt, bis zu welchem Extrem Tiere rechtlos sind gegenüber menschlichen Ansprüchen. Völlig undiskutierbar zum Beispiel ist eine Politik, die aus dem selbstgeschaffenen Desaster des "Rinderwahnsinns" die entsprechenden Konsequenzen ziehen würde: sofortige Rückkehr zur "grünen" Landwirtschaft, wirtschaftliche Stützung der Kleinbauern, Konsumstop von Fleischverzehr aus Massenzuchtanstalten, mit anderen Worten: ein intensives Nachdenken auch über unsere Nahrungsgewohnheiten, - von all dem nichts, nicht ein einziges Wort; stattdessen eine noch genauere "Überprüfung" des "Schlachtfleischs", eine noch verstärkte Pathologisierung der "Tierhaltung"; - die "Nutznießer" aus der Katastrophe werden mit aller Sicherheit erneut die Massentierhalter und die "Billigfleischerzeuger" sein.

Vor allem: Wir finden offenbar nicht das geringste dabei, Tiere zu Millionen sterben zu lassen, wenn auch nur eine Wahrscheinlichkeit von 1 : 100.000 besteht, daß der "Genuß" eines von ihnen Krankheiten auslösen könnte. Es bedarf offenbar schon eines Vergleichs, um zu zeigen, wie wenig selbstverständlich, ja, wie irrsinnig dieses Denken ist: Mit aller Wahrscheinlichkeit werden sich zu Beginn der nächsten Pfingstferien im Großraum München oder Paris mit der Reisewelle von Urlaubern Hunderte von Autounfällen ereignen, davon viele tödlich; die Warnungen der Straßenverkehrspolizei müßte man dahin übersetzen, daß sie sich außerstande sieht, im Inntal-Dreieck oder auf den Ausfallstraßen der französischen Metropole die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Äußerst sinnvoll zum Schutz von Menschenleben (und zur Entlastung der Krankenkassen) wäre es, kurzzeitig vier Millionen PKW's aus dem Verkehr zu ziehen und damit das "Autoaufkommen" unterhalb der statistischen Katastrophenmarke zu halten. Aber wieder: ein solcher Gedanke auch nur gegen unsere heilige Kuh: das Auto, würde gewiß als skandalös empfunden - die Renaultwerke in Paris und die VW-Betriebe in Wolfsburg würden augenblicklich wieder ihren nationalen "Industriestandort" und ihre "Arbeitsplätze" gefährdet sehen. Vier Millionen Autos auch nur für zehn Tage per Gesetz stillzulegen - das ist unmöglich; vier Millionen Rinder per Kopfschuß oder Giftspritze zu töten - das ist allein eine Wirtschaftsfrage. Irgendetwas stimmt da nicht. Jeder kann das, hoffentlich, merken.

Ein zweites Beispiel: Nach wie vor leidet Australien unter der Kaninchenplage. Auch dieses "Übel" ist selbstverschuldet und ein Lehrbuchbeispiel für die Folgen ungehemmten Artentransfers. Die Kaninchen wurden im Jahre 1788 auf den fünften Kontinent gebracht, wo sie außer dem ausgewilderten Dingohund kein einziges einheimisches Raubtier antrafen und sich daher sprichwörtlich vermehren konnten. Zudem machten die Farmer Jagd auf die Dingos, die, statt wie früher auf die Emus, mit Vorliebe auf die neu eingeführten Schafherden abstellten. Mit der Dezimierung der Dingos hatten nun die Kaninchen überhaupt keine Feinde mehr, die sie hätten "kurzhalten" können; was Wunder also, daß sie sich über jedes natürliche Maß hinaus, epidemisch ausbreiteten? Um ihnen zu steuern, führte man Wiesel und Füchse aus Europa ein, doch nur um zu erleben, daß die Füchse viel lieber die Känguruhratten bejagten und die Wiesel sich über die australische Vogelwelt hermachten. Nach der Dezimierung der Vögel aber vermehrten sich die Insekten zur Plage und verwüsteten ihrerseits die Eukalyptuswälder. Von Eukalyptusblättern hinwiederum leben die Koalabären, und um die bedrohten Eukalyptuswälder zu schützen, fing man an, die Koalas zu töten. Ursprünglich zu vielen Millionen verbreitet, hatte man sie schon um 1950 auf ein paar Tausend dezimiert. In all der Zeit vermehrten sich die Kaninchen ungehindert weiter, bis 1953 die furchtbare Kaninchenseuche Myxomatose absichtlich nach Australien geholt wurde und 90% der Tiere unter entsetzlichen Schmerzen verenden ließ. Der Rest der Kaninchen aber wurde immun und erreicht im Jahr 1996 zum Ärger der Farmer erneut Populationsdichten ungeahnten Ausmaßes. Was also tun? Amerikanische Wissenschaftler (wer auch sonst?) denken mittlerweile daran, eine neue Kaninchenpest zu starten, diesmal mit einem Abkömmling der Kalizi-Viren. Kaninchen, wohlgemerkt, sind Säugetiere; ihre physischen Schmerzen sind denen von Menschen durchaus vergleichbar, und der Kalizi-Virus führt bei ihnen zu einem elenden Verenden; sie zu Millionen auf diese Weise auszurotten sollte also zumindest ein moralisches Bedenken auslösen. Doch eben das tut es nicht. Die einzigen Bedenken, die den "Forschern" kommen, richten sich auf eine mögliche Virusresistenz bei einer genügenden Teilmenge der Tiere sowie auf eine nicht auszuschließende Mutierbarkeit der eingesetzten Kalizi-Viren. Möglich wäre es, daß bei dem Wettkampf zwischen den angreifenden Viren und dem Immunsystem der Kaninchen Virenstämme selektiert würden, die auch auf den Menschen übertragbar wären. Erste Versuche auf Neuseeland haben bereits dazu geführt, das Kiwi-Huhn auszurotten. Da schafft ein Virus offenbar mühelos und in kürzester Zeit den Sprung von einer Säugetierart zu einer Vogelart, quer durch den Stamm der Wirbeltiere, doch wird selbst diese Gefahr nicht verhindern, daß 1997 das Experiment Kalizi-Virus großflächig auf dem australischen Kontinent getestet wird. Und noch einmal: allenfalls die medizinische Bedenklichkeit, auf Menschen gewisse Rücksichten nehmen zu müssen, wird die Massenausrottung von Millionen Säugetieren aufhalten können. Moral, so lehrt uns das Beispiel, bedeutet bis heute nichts weiter als menschlicher Artenegoismus, als die Durchsetzung der Lebensinteressen einer Spezies gegen die Interessen aller anderen Lebewesen oder, genauer gesagt, bestimmter finanzstarker Sondergruppen der menschlichen Spezies gegen den Rest der Welt.

Am klarsten wird das durch ein drittes Beispiel: die Überbevölkerung der Menschheit auf dem Planeten Erde. Folgt man den Ausführungen Papst Johannes-Paul II., der immerhin sich als Sprecher von 900 Millionen Menschen versteht und zugleich als Stellvertreter Gottes auf Erden, so ist es nicht allein als eine "schwere Sünde" verboten, im Kampf gegen die größte Gefahr der Menschheit heute, gegen die Überbevölkerung, künstliche empfängnisverhütende Mittel einzusetzen und eine resolute Geburtenkontrollpolitik zu propagieren - am 5. September 1984 rief das Oberhaupt dieser Kirche anläßlich einer Generalaudienz die Katholiken der Welt auf, auch die von der römischen Kirche gebilligten "natürlichen" Methoden der Empfängnisverhütung (d.h. das Einhalten "unfruchtbarer" Tage) nicht dazu auszunutzen, die Zahl der Kinder zu reduzieren; es sei ein Mißbrauch, wenn Eheleute diese Möglichkeit dazu benutzten, die Zahl ihrer Kinder unterhalb der "für ihre Familie moralisch richtigen (!) Geburtenrate" zu halten; also nicht so viele Kinder, als sie sich irgend "leisten" können, in die Welt zu setzen. Es scheint, als wenn es Grenzen gibt, von denen an Ignoranz und Arroganz, Traditionalismus und Unfehlbarkeitswahn, wenn in höchster Position vertreten, den Straftatbestand fahrlässiger Tötung erfüllen; doch zur "Entschuldung" des Papstes muß man sagen, daß er in gewissem Sinne nur ausspricht, was die abendländische Ethik zur Selbstvergewisserung der absoluten Anspruchsrechte der menschlichen Spezies seit eh und je vertreten hat. Es mag sein, daß es dem Oberhaupt der katholischen Kirche auch darum geht, vor allem in Ländern wir Nigeria den schwindenden geistigen Einfluß seiner Religionsgemeinschaft auf dem Wege biologischer Ausbreitung zu kompensieren, doch in jedem Falle herrscht uneingeschränkt eine Ethik vor, die in der Wahrung des eigenen Gruppeninteresses den eigentlichen Maßstab sittlicher "Verantwortung" erkennt.

Was dabei im Rahmen des Bevölkerungsproblems "verantwortet" werden müßte, machen bereits ein paar Vergleichdaten deutlich. Im Jahre 1811 lebten auf Erden noch etwa nur rund eine Milliarde Menschen; es brauchte damals noch 100 Jahre, bis 1927, um die Zahl auf zwei Milliarden Menschen zu verdoppeln; im Jahre 1960, also 35 Jahre später, lebten bereits drei Milliarden Menschen auf Erden, dann genügten ganze 14 Jahre, um die Menschheit erneut um eine Milliarde zu vermehren. Bereits 1987 zählte man fünf Milliarden Menschen, in 1996 ist die sechs-Milliarden-Marke bei weitem überschritten. Jede Minute werden heute 150 Menschen geboren, jeden Tag 220.000, jedes Jahr mehr als 80 Millionen; davon entfallen 90% des Zuwachses auf die Entwicklungsländer. Im Jahre 2010 dürfte die Weltbevölkerung mehr als sieben Milliarden Menschen umfassen, und dann, schon zwölf Jahre später, wird sie die Rekordmarke von acht Milliarden erreicht haben. All diese Menschen benötigen Nahrung, Kleidung, Wohnung, Energie, medizinische Versorgung, Arbeit, Infrastruktur - mit einem Wort: Umweltzerstörung in nie gekanntem Umfang. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit stehen wir vor der Frage, ob wir weiter das exponentielle Wachstum der menschlichen Spezies befürworten wollen oder ob wir weniger Menschen zum Ziel nehmen, damit die Weltmeere und Flüsse, die tropischen Regenwälder und die Savannen, die Wattenmeere und die Feuchtgebiete, die Hochalpen und die Polarregionen zumindest eine Chance behalten, auch nur in der nächsten Zukunft relativ intakt zu bleiben. Die Entscheidung, vor die wir uns selbst gestellt haben und die wir in wenigen Jahren zu fällen haben, entspricht in ihrer Bedeutung einer Weichenstellung in globalem Maßstab. Was wir derzeit anrichten, kommt einer Querschnittlähmung des gesamten Motors der Evolution gleich; sie besteht darin, eine einzige Spezies auf dieser Erde absolut zu favorisieren und alle anderen Formen des Lebens einzig dahin zu befragen, ob sie den Überlebens- und Ausdehnungsinteressen dieser einen Spezies dienlich sind oder nicht. Es ist klar, daß alles, war im "christlichen" Abendland bisher für Ethik und Religion gegolten hat, uns versichert, daß es unser Recht, ja, unsere Pflicht sei, diese Entscheidung zu unseren Gunsten zu fällen. Erst wenn sich zeigen sollte, daß zum Beispiel die Ausrottung des äquatorialen Grüngürtels das planetare Windsystem und damit das Klima soweit verändern könnte, daß daraus ungünstige Rückwirkungen vor allem für die Bewohner der nördlichen Länder der Erde zu erwarten wären, so wird das ein Argument bilden, vielleicht doch ein gewisses ökologisches "Umdenken" zu fordern, für das freilich nach wie vor die Natur nichts weiter ist als die "Umwelt" des Menschen.

Es gibt in dieser Situation immer noch Moralisten, die den Ernst der Lage mit scheinbar humanen Appellen herunterreden möchten. Insbesondere aus dem Vatikan ist seit ein paar Jahren zu hören, man zeige sich auch dort mittlerweile über das Bevölkerungswachstum "besorgt", doch sei man nach wie vor gegen jedweden staatlichen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht insbesondere der Frauen, die Zahl ihrer Kinder selbst festzulegen; der wahre Grund an der Überbevölkerung liege in der Unterentwicklung und Armut der Länder der Dritten Welt, und die Schuld daran trügen vor allem die Industrienationen. Einmal davon abgesehen, wie eilfertig in diesem Zusammenhang nun auch der Vatikan das Recht der Frau auf Selbstbestimmung zu urgieren weiß, und zugegeben natürlich, daß einer der Faktoren der Bevölkerungsvermehrung auf der Südhalbkugel der Erde in den ungerechten Austauschrelation von Rohstoffen und Fertigwaren auf dem Weltmarkt zu suchen ist, so bleibt immer noch die Unaufrichtigkeit dieser "Argumentation" festzuhalten. Tatsache ist, daß wir uns beim heutigen Stand der Technik eine Ausdehnung des Anspruchs auf "Lebensqualität" auf dem Niveau von Westeuropäern und Nordamerikanern allenfalls für 2,5 Milliarden Menschen leisten können, ohne nachhaltige Schäden für die Natur in Kauf zu nehmen. Mit anderen Worten: Wir können schon heute eine wirkliche Angleichung des Lebensstandards von Industrienationen und Entwicklungsländern nicht ernsthaft wünschen, und so bleibt den Armen der Erde unter einer Decke zweideutiger politischer Erklärungen heute bereits nichts anderes übrig, als den Teufelskreis von Armut und Überbevölkerung immer schneller zu durchlaufen und dabei vorübergehend sogar noch die Wachstumsansprüche der überschuldeten Länder der Ersten Welt zu bedienen, während bald schon die zerstörerische Wechselwirkung von ökologischer und ökonomischer Verelendung auch die derzeit reichen Länder der Erde zum Eingeständnis der Strukturkrise des ganzen Systems falscher Denkweisen und kurzsichtiger Handlungsformen nötigen wird. Doch selbst dann, nach Hungerkatastrophen und Verteilungskämpfen von heute noch unvorstellbarem Ausmaß, wird man wohl nur lernen, mit - sagen wir - 12 Milliarden Menschen sich am Rande des gerade Erträglichen im Rahmen einer einzig dem Menschen dienenden Erde einzupendeln.

Eine Alternative zu dieser "Option" kann nur in einem völlig veränderten ethischen Denken bestehen. Heute noch macht ein jeder sich lächerlich, der ernsthaft verlangen wollte, es sollte weniger Menschen geben, auf daß Schimpansen, Kattas und Warane an der Seite des Menschen eine Chance zum Überleben behielten. Tatsächlich würde eine solche Forderung voraussetzen, daß der Parameter sittlicher Verantwortung nicht länger rein anthropozentrisch definiert bliebe, sondern in der Wahrung der Welt gesehen würde, welcher der Mensch selbst sich verdankt. Um es so zu sagen: Bislang war "Ethik" nichts weiter als ein selbstreferentielles System, das vom Menschen ausging und zum Menschen zurückkam, indem es in der Natur nichts weiter sah als eine ausbeutbare Quelle des Selbsterhalts; benötigt aber würde eine Moral, deren Begriff von "Verantwortung" wesentlich durch die Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Natur bestimmt würde.

Ein Vorbild dafür gibt es sogar in der Bibel, wenn ergänzend, womöglich sogar korrigierend zu der Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift in Gen 1,28 die sogenannte "jahwistische" Paradieserzählung betont, der Mensch sei von Gott in den Garten der Welt versetzt worden, um die Erde zu "bedienen" und zu "bewahren" (Gen 2,15). Doch wann je hätte man dieses so andere Verständnis des Menschen religiös und moralisch beachtet? Religion und Ethik belehrten und nährten bislang im Namen des Christentums einzig die Mittelpunktstellung des Menschen; es ist an der Zeit, schon weil uns keine Zeit mehr bleibt, dieses überlieferte Konzept aufzugeben und durch ein neues zu ersetzen, das den Menschen als einen Teil der Natur versteht und als Verantwortung wesentlich den Erhalt der Natur und damit die Selbstbegrenzung der menschlichen Spezies an den Lebensinteressen der Lebewesen an unserer Seite definiert.

Die Situation, in der wir uns geistig befinden, mutet grotesk an. Den Menschen von der Natur her und in bezug zur Natur zu verstehen war und ist der Kerninhalt aller mythischen Religiosität und Frömmigkeit; doch gerade von dieser zu lernen fällt den Religionen der Bibel bis heute unsäglich schwer. Inzwischen aber haben die Naturwissenschaften den Mittelpunktwahn des Menschen nachhaltig widerlegt.

Eine Hauptthese, die es der "christlichen" Ethik bis heute sehr erleichtert hat, die Ausbeutung der Tiere zum Nutzen des Menschen zu rechtfertigen, bestand in der Überzeugung, daß nur der Mensch eine unsterbliche und vernünftige Seele besitze; ja, folgte man den Ausführungen des R. Descartes, so wären die Tiere lediglich gefühllose Reflexautomaten, die all die Mißhandlungen, die von seiten der Menschen ihnen zugemutet werden, durchaus nicht zu empfinden vermöchten. Jeder im Grund kann sehen, daß diese Ansicht völlig falsch ist; und doch hilft sie uns dabei, die Augen vor den Leiden der Tiere zu verschließen: - Indem wir den Tieren eigene Gefühle absprechen, kommt uns selbst die Erlaubnis, ja, die Auflage zu, auch uns selbst ein Recht auf Mitgefühl mit der leidenden Kreatur abzusprechen. Die Tiere haben keine Gefühle, und die Menschen haben Gefühle mit den Tieren nicht zu haben; so einfach ist das. Theologen erklären auch heute noch, daß Gott der Herr in seiner Weisheit gerade diese Ordnung "axiologisch" "gewollt" habe, indem er, wie die Schafe für den Wolf, so die Kaninchen und die Lachse, die Rinder und die Rehe, die Schweine und die Rebhühner just zum "Gebrauch" des Menschen geschaffen habe, so daß nach dem Schöpfungswillen des Allmächtigen all diesen gar nichts besseres passieren könne, als vom Menschen verzehrt zu werden. Wer da immer noch sentimental genug sein sollte, seine Seele mit dem Leiden seelenloser Kreaturen zu belasten, der versündigt sich, wenn es so steht, nicht nur auf geschäftsschädigende Weise an den Interessen der Agrarökonomen, er handelt sogleich den Absichten des Allerhöchsten zuwider. Man braucht schon eine Empörung, wie Arthur Schopenhauer sie vor 150 Jahren zum ersten Mal formulierte, um diesem Typ "christlich"- abendländischer Ethik durch die Forderung eines universellen Mitleids mit allen Lebewesen nach indischem Vorbild ein Ende zu bereiten.

Tatsächlich aber war es nicht eine philosophische Neubesinnung, die der abendländischen Anthropozentrik wirksam Paroli bot, sondern es ist eine Fülle sich ergänzender Beobachtungen und Theoriebildungen aus den Naturwissenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Menschen als eine bloße Welle in dem großen Strom der Entfaltung des Lebens auf dieser Erde erscheinen läßt. Abstammungslehre, Verhaltensforschung, Hirnphysiologie und Bioneurologie, Psychoanalyse und Kulturanthropologie - sie alle zeigen, in welchem Umfang der Mensch sich selber der Herkunft aus der Tierreihe verdankt. Kein Problem des menschlichen Daseins: weder Krieg noch Kriminalität, aber auch kein wirklich starker Faktor des menschlichen Zusammenlebens, weder Familiengründung noch Kinderaufzucht, sind zu verstehen ohne das Echo aus den 250 Millionen Jahren der Säugetierentwicklung in den Schichten des Zwischenhirns in unseren Köpfen. Punkt für Punkt führten seit dem 16. Jahrhundert die Entdeckungen der Naturwissenschaften auf eine einzige großangelegte narzißtische Kränkung des "christlich"- abendländischen Menschen hinaus: Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt des Sonnensystems, wie N. Kopernikus fand, er steht nicht einmal im Mittelpunkt des Kosmos, wie G. Bruno postulierte - die Weltwirklichkeit sei unendlich, um eines unendlichen Schöpfers würdig zu sein, im Unendlichen aber gäbe es weder räumlich noch zeitlich ein "Zentrum"... Den Dominikanermönch ließ Kardinal R. Bellarmin im Jahre 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom bei lebendigem Leibe verbrennen, und all seine Bücher übergab er auf den Stufen von Sankt Peter dem Feuer, doch konnte das mittelalterliche Weltbild des Mittelalters mit seinem statuarischen und finalistischen Ordnungsdenken in heiligen, kirchendogmatischen Begriffen sein notwendiges Scheitern an dem dynamischen, kausalistischen Denken der Neuzeit allenfalls aufschieben, nicht wirklich verhindern. Daß der Mensch vom Tiere geradewegs "abstammen" sollte, daß sich sogar seine Psyche im Verlaufe von Jahrmillionen aus schimpansenähnlichen Vorfahren gebildet haben könnte, galt der römischen Kirche noch bis in die 60er Jahre dieses Jahrhunderts als eine Majestätsbeleidigung ersten Ranges; - selbst ein so anthropozentrischer Mystiker wie der Jesuit T. de Chardin durfte zeit seines Lebens seine Gedanken nicht publizieren, geschweige denn, daß es bis heute verstattet wäre, eine Weltfrömmigkeit und Ethik zu lehren, die den einfachen Naturtatsachen der menschlichen Existenz Rechnung trüge!

Es ist diese Abwehr, es ist dieser Widerwille von seiten der immer noch herrschenden (kirchlichen) Theologie, die uns hindert, wenn schon nicht von anderen Religionsformen und Weisheitslehren, so doch zumindest von der "harten" Erkenntnis der Naturwissenschaften "Vernunft" anzunehmen. Im Gegenteil, die erwähnten "narzißtischen Kränkungen" scheinen weit eher zu einer sich verhärtenden Enttäuschungsreaktion als zu einem gewandelten Weltbild geführt zu haben. Einzig das erklärt die Widersprüchlichkeit, mit der wir heute den Tieren und in ihnen uns selber begegnen: Wir wissen genau, wie nahe wir als Menschen den Tieren stehen, doch benützen wir dieses Wissen allein dazu, um den alten Herrschaftsanspruch gegenüber der uns umgebenden Welt geltend zu machen.

Die Tiere sind den Menschen ähnlich - daraus folgt für uns keinesfalls, mit ihnen so "ähnlich" umzugehen wie mit Menschen, es folgt für uns ganz im Gegenteil daraus, daß wir von ihnen etwas über uns lernen können, das unser Herrschaftswissen noch vermehrt und uns zur Ausdehnung der überkommenen Herrschaftsansprüche gerade passe kommt. Auf die ungeheuerliche Zahl von ca. 300 Millionen Tieren aller nur erdenklichen Arten kommt allein der "Verbrauch" an "Versuchstieren", die von Pharmaindustrie und Militär weltweit zu Tode gequält werden, um ihren zerfetzten Körpern, ihren verstrahlten Organen, ihrer versengten Haut oder ihren zuckenden Nerven Informationen über die Wirkung bestimmter Medikamente oder über noch bessere Möglichkeiten zum Töten und "Unschädlichmachen" feindlicher Objekte mit Hilfe von Giftgas, biologischen "Kampfmitteln", Neutronenstrahlen oder Druck- und Splitterbomben zu gewinnen. Alles wartet darauf, daß wir aus der unabweisbaren Tatsache der Zusammengehörigkeit allen Lebens auf dieser Erde die genau umgekehrte Folgerung zögen und eine Ethik und Religion der Einheit von Mensch und Natur, statt der "Indienstnahme" und "Beherrschung" der Natur entwickelten, doch hindert uns daran eine sonderbare Mischung aus wissenschaftlicher Inkonsequenz und wahnähnlichem Anspruchsdenken im Rahmen der überkommenen Formen von Religion und Moral.

Man betrachte auch nur den eigenen Hund. Er soll keiner Gefühle fähig sein? Er soll sich nicht freuen noch ärgern können, er soll nicht traurig noch ängstlich sein können, er soll nicht spielen noch raufen, nicht ein Weibchen umwerben noch seine Jungen verteidigen können? Mit Verlaub gesagt: Wer imstande ist, auch nur fünf Stunden lang im Zusammensein mit einem Hund all die Signale der entsprechenden psychischen Gestimmtheiten zu übersehen oder zu verleugnen, der zeigt damit nur, daß man ihm einen Hund zur Pflege nie und nimmer anvertrauen dürfte. Wie, ein Tier sollte nicht oder nur sehr viel weniger Schmerz empfinden können als ein Mensch? Nehmen wir einmal an, des Nachts brächte ein bohrender Zahnschmerz uns um den wohlverdienten Schlaf und wir griffen, um endlich Ruhe zu finden, zu einem starken Schlafmittel; sehr bald hätten wir da wohl Gelegenheit zu merken, was das ist: "tierisch" zu leiden. Das Schlafmittel nämlich betäubte nicht unseren Schmerz, es dämpfte lediglich unser Bewußtsein, mit dem Ergebnis, daß wir uns von dem Schmerzempfinden geistig nicht mehr distanzieren könnten; daran übrigens liegt es, daß wir des Nachts alle Schmerzen sehr viel intensiver zu empfinden pflegen als am Tage. Die schmerzempfindlichen Zentren aber sind in einem Säugetiergehirn an genau denselben Stellen lokalisiert wie auch in unseren Köpfen; der Schluß ist unvermeidbar, daß Tiere physisch genauso, ja noch weit stärker, weil dumpfer, weil mehr identisch mit ihrem Schmerz, zu leiden vermögen als wir Menschen und daß ihre psychischen Leiden zumindest verwandt den unsrigen sind. Was für ein Recht also sollten wir haben, mit ihnen zu machen, was immer uns im Moment nützlich scheint? Wenn Tiere empfinden und fühlen können, analog zu uns Menschen, so besitzen sie auch einen Anspruch darauf, daß man mit ihnen umgeht, analog wie mit Menschen.

Es kommt eine weitere Folgerung hinzu, die sich aus dem Ende der "christlichen" Anthropozentrik ergibt. Wenn wir weder in Raum noch Zeit irgendeine bevorzugte Stellung auch nur im Rahmen der Evolution des Lebens auf diesem kleinen Planeten Erde einnehmen, so gebieten es die Gesetze der Logik, Handlungen zu unterlassen, die in Raum und Zeit Wirkungen heraufführen, die den Maßstab dessen, was wir "geschichtliche Verantwortung" nennen, bei weitem übersteigen.

Geschichte - das ist ein Zeitraum, der, hoch gerechnet, etwa vor 8000 Jahren mit dem Neolithicum begonnen hat; erst seit dieser Zeit haben sich die Strukturen des Denkens und Handelns gebildet, denen wir all das verdanken, was in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als tragende Selbstverständlichkeiten sich gebildet hat. Dieser Zeitraum ist für unser Geschichtsbewußtsein unvorstellbar groß - er umfaßt noch ca. 3000 Jahre mehr als der Beginn der Schriftkultur und damit die Anfänge der "eigentlichen" Geschichte, aber er ist verschwindend klein, gemessen an den Zeitmaßen der Biologen, Paläontologen und Geologen. Es ist das erste Mal, daß wir in den Atommeilern unserer Kernkraftwerke Folgen zeitigen, die wir nicht länger nach Jahren oder Jahrzehnten, sondern, entsprechend der Halbwertzeit radioaktiver Substanzen, auf 24.000 und mehr Jahre verrechnen müssen. Diesen Maßstäben sind wir prinzipiell nicht gewachsen, wie erneut ein einfaches Beispiel zu zeigen vermag.

Genau vor 10 Jahren ereignete sich in Block IV des Kernkraftwerks von Tschernobyl ein "Störfall", der zu der größten Katastrophe des technischen Zeitalters geriet. Jahrelang hatten die Experten der Öffentlichkeit versichert, ein GAU (Größter anzunehmender Unfall) dieser Größenordnung sei absolut auszuschließen, die Kernkraft sei "beherrschbar" gegenüber allen Risiken. Besonders Frankreich, im Besitz seiner umfangreichen Bauxit- und Uranerze, setzt seit Jahren ungehemmt auf die Erzeugung von Atomstrom - zwei Drittel seiner Elektrizitätsversorgung stammt inzwischen aus Atomkraftwerken. Das Reaktorunglück in Tschernobyl aber zeigt die ganze "Brisanz" dieses Denkens. Vor allem Weißrußland mit ca. 50 Millionen Einwohnern wurde durch die Katastrophe verstrahlt; Schilddrüsenkrebs, Mißbildungen bei Neugeborenen, die Symptome der "Strahlenkrankheit", nennen wir sie: das Hiroshima-Syndrom, grassieren. Aber noch immer werden die Gefahren heruntergespielt. Erst vor zwei Jahren, acht Jahre nach dem Desaster, wurde die 200.000-Einwohner-Stadt Gomel evakuiert; immer noch kehren Menschen in den Radius der tödlichen Strahlung zurück, um ihre alten Wohnungen zu besuchen oder um ihre Äcker zu bestellen, sind diesen doch keine Schäden anzusehen! Am allerschlimmsten aber: 24.000 Jahre lang wird hier eine Region von der Größe der Beneluxländer als lebensgefährliches Terrain für die Besiedlung durch Menschen oder Tiere zu gelten haben. Kein Mensch ist einer "Verantwortung" gewachsen, deren Maßstäbe bereits rein quantitativ einen Zeitraum umfaßt dreimal so groß wie von der Züchtung der ersten Schafe und dem Bau erster Steinhäuser bis heute. Nicht einmal in unserer eigenen menschlichen Geschichte stehen wir heutigen Menschen im Mittelpunkt.

Um uns zu korrigieren, bedürfen wir offensichtlich einer Ethik, die nicht länger einer gefühlsisolierten, verstandeseinseitigen Ethik das Wort redet, indem sie das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und zu der ihn umgebenden Natur wesentlich in das gegenstandsgerichtete "Erkennen" und zweckorientierte "Wollen" setzt, sondern die aus einer integrierenden Anthropologie folgert und dementsprechend die Integration des Menschen in die Natur fordert.

Wie eine solche Ethik aussehen kann, hat, im Erbe A. Schopenhauers, vor 40 Jahren bereits der Deutsch-Franzose Albert Schweitzer formuliert. "Ethik", so schrieb er, "besteht [...] darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen wie dem eigenen. Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen." Jemand, dem in diesem Sinne das Leben heilig ist, führte dieser große Humanist, Pazifist und Ethiker aus, "reißt kein Blatt vom Baum, bricht keine Blume und hat acht, daß er kein Insekt zertritt. Wenn er im Sommer nachts bei der Lampe arbeitet, hält er lieber das Fenster geschlossen und atmet dumpfe Luft, als daß er Insekt um Insekt mit versengten Flügeln auf den Tisch fallen sieht. Geht er nach dem Regen auf die Straße und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, daß er in der Sonne vertrocknen muß, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn vom todbringenden Steinigen hinunter ins Gras. Kommt er an einem Insekt vorbei, das in einen Tümpel gefallen ist, so nimmt er sich Zeit, um ihm ein Blatt oder einen Halm zur Rettung hinzuhalten." "Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt."

Vermutlich brauchen wir, noch ehe wir zu einer solchen Ethik imstande sind, (neben einer veränderten Politik und einer veränderten Wirtschaftsordnung nebst eines veränderten Geldsystems) ein neues Wert- und Weltfühlen, wie es uns am Ende dieses grausamen und gräßlichen 20. Jahrhunderts allenfalls vereinzelte Dichter mit ihrer Art einer poetischen Sicht auf die uns tragende Wirklichkeit zu vermitteln vermögen, etwa nach dem Vorbild des liebevollen und liebenswürdigen baskischen Lyrikers Francis Jammes. Mit einem Mitgefühl, das "christlich" nie hieß, aber doch heißen müßte, wenn je diese Religion in der Neuzeit zu ihrer Wahrheit finden sollte, schrieb dieser fälschlich für "naiv" gehaltene, in Wirklichkeit nur kindlich gebliebene Schöpfer zauberhafter kleiner Gebete und Gedichte: "Tief im Blick der Tiere leuchtet ein Licht sanfter Traurigkeit, das mich mit solcher Liebe erfüllt, daß mein Herz sich auftut allem Leiden der Kreatur. - Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem Kopfe vor einem Kaffeehaus schläft, der Todeskampf der von einem Wagen zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloch Zuflucht sucht - all diese Leidenden haben für immer in meinem Herzen ihre Stätte. Verböte das nicht die Achtung für den Menschen, ich kniete nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt mir, daß ein Glorienschein über dem Haupt einer jeden dieser Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, groß wie das All, den Gott über sie ausgegossen hat."

Der Tag wird kommen, an dem wir Menschlichkeit gerade darin erblicken werden, niederkniend die Tiere um Verzeihung zu bitten für alles, was wir ihnen angetan haben.

 

1996

 

 

 

Original-URL dieses Artikels von Dr. Eugen Drewermann: Mehr Menschlichkeit mit Tieren    www.aktion-kirche-und-tiere.de/AKUTe/96-drew-01.htm  

 

Siehe auch: Aktion Kirche und Tiere AKUT e.V.
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