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Simon Strick:

 „Rechte Gefühle:

 Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“
‎transcript Verlag 2021

480 Seiten

34 Euro

 

 

 

 

Reflexiver Faschismus

Manipulation der Öffentlichkeit durch digitale Affekte

Christa Tamara Kaul

Springerstiefel und Glatzen? Das war gestern. Längst präsentiert sich die äußerste, teils radikale Rechte mit einem ganz anderen Stil: Modisch angesagt und digital bestens vernetzt schüren ihre Anhänger hoch emotional und damit effektiv die Gefährdungsgefühle einer Gesellschaft, die tatsächlich etlichen Risiken ausgesetzt ist. Und präsentieren sich im digitalen Raum dabei oft selbst in der Opferrolle. Allerdings bietet diese „alternative Rechte“ keine Lösungen der Probleme, sondern wird zunehmend mehr selbst zum Teil der nationalen wie internationalen Problemlage.

Wie das aussieht, legt der Kultur- und Medienwissenschaftler Simon Strick in seinem Buch „Rechte Gefühle“ mit einer umfangreichen Darstellung und ausführlichen Analyse rechter bzw. rechtsextremer Agitation dar. Diese wird oft mit dem Begriff des Populismus umschrieben, etwa bei Aktionen von Querdenkern oder Pegida-Demonstranten in Deutschland oder Anhängern der Alt-Right-Bewegung in den USA. Alt-Right steht für alternative right, also alternative Rechte, und ist eine Bewegung, die anhand von rassistischen, islamfeindlichen und antisemitischen Behauptungen die „Identität der weißen christlichen Bevölkerung“ durch die multikulturelle Einwanderungsgesellschaft der USA sowie durch „politische Korrektheit“ und Gesetze zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit bedroht sieht. Die Mischung aus bürgerlicher Panik und teilweiser Verrohung, einhergehend mit dem internetbasierten Kollaps politischer Kultur, hat sich in den USA etwa 2009 mit dem Aufkommen der „Tea Party“ als Protest gegen die Wahl Barack Obamas zu etablieren begonnen. Ähnliche Gefährdungs- oder gar Unterdrückungsszenarien werden in Deutschland durch die AfD etwa mit der Warnung vor einer „Umvolkung“, also des Austausches der „echten“ Deutschen durch Zuwanderer, verbreitet.

Zwar basiert der politische Populismus ebenso wie der Faschismus weitestgehend auf materiellen und ideellen Verlustängsten und verstärkt diese gezielt, indem er gern „feindliche“ Minderheiten dafür verantwortlich macht und nationalistische „Lösungen“ anbietet. Doch Strick zeigt, dass der Begriff des Populismus, soweit er zur Beschreibung der rechten Meinungsmache auf digitalen Plattformen sowie im öffentlichen Leben verwendet wird, schon längst nicht mehr geeignet ist, die schwer fassbaren algorithmischen Strategien und aktuellen neofaschistischen Schwarmbewegungen zu definieren.

Es gehe mittlerweile, also in Zeiten des Internets, weltweit um eine „memetische“ Kriegsführung, die kaum noch etwas mit einer autoritären Top-Down-Mentalität zu tun habe, bei der die Massen von aufstrebenden Totalitären verführt werden. Vielmehr haben sich in den digitalen Netzwerken „einheimische Faschismen“ als Bottom-up-Bewegungen und benutzergesteuerte Dynamiken entwickelt, die „führerlos, volatil, konsumentenorientiert und eingebettet in die üblichen digitalen Lebenswelten“ durch die sozialen Medien wabern. Der Faschismus, nach wie vor von Verlustängsten gespeist, taucht als Schwarmbewegung von unten wieder auf. Es geht um einen Kulturkampf mit dem Schwerpunkt Aufmerksamkeitsökonomie, dem Kampf um die größten Echokammern im Netz. Was Strick als "reflexiven Faschismus" bezeichnet.

Dieser reflexive Faschismus ist demnach kein Symptom, “sondern eine oder viele aktive Bewegungen. Er ist ein von einigen aktiv betriebener Wandel der Lebenswelt, der in dieser (mediensaturierten, kapitalorientierten, demokratischen) Gesellschaft möglich und teilweise gewollt ist.“ Symptomatisch dagegen sind nach Stricks Ansicht aber sowohl die Protagonisten dieser zeitgenössischen Form des Faschismus als auch dessen hauptsächliche Analysten und Gegner: nämlich weiße Männer. „Die Experten (die in diesem Zusammenhang über den Angriff auf die Demokratie sprechen) sind deshalb oft weiß, männlich, westdeutsch und so weiter, weil diese Position als Verkörperung der Allgemeinheit und des Konsens gilt. Weiße männliche Experten für ;Rechtsextremismus’ wie ich sind in diesem Sinn ein Symptom der rassistischen und sexistischen Verhältnisse“, so Strick. Auch und gerade deshalb, weil Menschen aus marginalisierten Randgruppen mit ihrem „Theoriewissen, Erfahrungswissen und Emotionswissen selten bis gar nicht gehört“ würden. Und falls doch, dann aber werde „ihr Wissen – oft unter dem negativ gemeinten Stichwort Indentitätspolitik – als feinselig und mehrheitsbedrohend bekämpft“.

„Initialzündung“ zu seinem Buch sei ein Video auf Youtube gewesen, so der Autor. In diesem Video berichtet ein rechtsextremer US-Amerikaner weinend über „antiweißen Rassismus“, von dem er sich verfolgt fühle. Das Video ging unter dem Titel „The Crying Nazi“ viral und stellte dem bisherigen Bild des knallharten Kämpfers ohne emotionale Regungen das des gefühligen, unterdrückten Vaterlandsverteidigers gegenüber.

Spätestens damit wurde klar: Nachhaltigstes Transportmittel rechter Narrative sind tatsächlich die im (vorrangig digitalen) Kollektiv gedeihenden Gefühle. Wenn Menschen mit Verlustempfindungen auf der emotionalen Ebene angesprochen und eingebunden werden, wenn sie sich angenommen fühlen, dann entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch über sonst vielleicht strittige Ansichten hinwegsieht. Offensichtlich ein Erfolgsrezept, wie der Zulauf zu den rechten Echokammern zeigt. Und zwar eines, das die „Alternative Rechte“ im digitalen Kosmos weltweit viel geschickter agieren und besser dastehen lässt, als ihre linken Widersacher es ihr zugetraut haben.

Und diese kollektiven Gefühle der neuen Rechten gedeihen besonders üppig durch die „Gamifizierung des Faschismus“. Das heißt, dass sich Gleichgesinnte auf Spielplattformen und in entsprechenden Foren treffen und agieren. „Als Teil eines gemeinschaftsbildenden Millionenpublikums lasse sich die „eigene digitale Unsichtbarkeit’ überwinden“, so Strick. Wobei diese Gamifizierung entschieden dem Erklärungsansatz des sogenannten Lone-Wolf-Terrorismus oder der Einzeltäter*innen-These entgegen stehe. „Tatsächlich sind rechtsterroristische Mörder bereits lange vor ihren Aktionen Teilnehmer an großen Spielekollektiven, die immersive Gegenwelten entwickeln … und sich so affektiv vergemeinschaften.“ Radikalisierung erfolge, indem an einer kollektiven Erzählform teilgenommen wird – wie auch umgekehrt die spielerischen Interaktions- und Sozialitätsformen der sozialen Netze Menschen in ihrer Weltwahrnehmung radikalisierten.

Doch so geschickt und modern der aktuelle Rechtsextremismus auch auftrete, so wenig hat er sich im Kern vom historischen Nationalsozialismus entfernt. Die politischen Eckpunkte und Parameter stimmen bei beiden im Wesentlichen überein. Dass die faschistischen Bewegungen nahezu weltweit so großen Zulauf haben, schreibt Strick dem Unvermögen vor allem der westlichen Demokratien zu. „Dieser Faschismus ist … eine Lektion über die Schwäche der gegenwärtigen Erzählung von Demokratie, Gesellschaft oder Welt – und gibt daher Anlass zur grundlegenden Reflexion dieser Begriffe und ihrer affektiven Aufladungen.“

So stellt sich die nahe liegende Frage: Wie dem aktuellen Faschismus Paroli bieten? Die Strategie der Medien, rechten Gefühlsnarrativen rationale Faktenchecks entgegenzusetzen, hält  Strick spätestens seit Trumps massentauglich erfolgreicher Einführung von „alternativen Fakten“ für gescheitert. Und auch die bei deutschen Demos laut skandierten Parolen gegen die „Lügenpresse“ bestätigen diese Annahme offensichtlich.

„Die Lösung gegen diese attraktiven rechten Gefühlswelten können nur andere Gefühlswelten sein, die viel heterogener sein müssen, als wir sie gerade haben“, meinte Strick dazu in einem Interview. „Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die die ganze Zeit Fremdheitsgefühle haben, weil sie nämlich aus der Mehrheitsgesellschaft zum Beispiel rassistisch und sexistisch ausgeschlossen werden.“ Diese Gefühlswelten müssten integriert werden, um sich als Gesellschaft von den extremen Rechten klar abzugrenzen. Viel konkreter wird er leider auch in seinem umfangreichen Buch mit der umfassenden Materialsammlung nicht. Dabei verweist er zu recht darauf, dass zunächst einmal zu klären ist, wer „die anderen“ sind – also wir, die Mehrheitsgesellschaft, die bürgerliche Mitte. Nur dann können die „anderen Gefühlswelten“ entworfen werden. Wie und wo kann die Mehrheitsgesellschaft von der extremen Rechten abgegrenzt werden? Wie lässt sich ein demokratisches ‚Wir‘ erstellen, das tatsächlich emotional gegen rechts agieren kann?“ Fragen, die noch auf klare Antworten warten.

Wer also ein Angebot an Lösungsoptionen erwartet, wie diese „anderen Gefühlswelten“ konkret gestaltet werden könnten, wird nur begrenzt fündig. Aber das ist wohl auch die falsche Erwartung. Denn wenn es praktikable Lösungen gäbe, wären sie wahrscheinlich schon in die Tat umgesetzt worden. Das Buch zu lesen lohnt sich dennoch, vor allem wegen der tiefen, teils minutiösen Einblicke in das (weltweite) Spektrum der „neuen Rechten“. Sie lassen dieses Spektrum besser „verstehen“ – verstehen, was da gerade falsch läuft. Falsch im Sinne einer wehrhaften demokratischen Gesellschaft. Und sie helfen auch, den eigenen Standpunkt klarer zu erkennen und bekennen und gegebenenfalls zu verteidigen.


Simon Strick: „Rechte Gefühle: Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“
‎transcript Verlag, 2021, 480 Seiten, 34 Euro
 

 



 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul