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Neuromythologie 

 

Gegen die weltbildgebende Deutungsmacht

der Hirnforschung

Christa Tamara Kaul | 15.11.2012

 

Keine Frage, die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Erkenntnisse gewonnen und in der öffentlichen Wahrnehmung einen wahren Triumphzug angetreten. Kaum eine Forschungsdisziplin will heutzutage noch ohne das Präfix „Neuro“ auskommen – neben der Neurobiologie, Neurophysiologie und Neuropharmakologie über die Neuropathologie und Neuropsychologie gibt es mittlerweile auch die Neuroästhetik, Neuroökomomie und Neurotheologie – um nur einige von vielen zu nennen. Was bisher fehlte, war die Neuromythologie. Doch diese Lücke kann jetzt als geschlossen gelten.

Felix Hasler heißt der Mann, promovierter Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalist, der seit Langem in der Hirnforschung tätig ist und nun mit seiner neuesten Publikation „Neuromythologie“ (1) diesen Dienst ziemlich umfassend erwiesen hat. Da er unter anderem zehn Jahre in der Arbeitsgruppe Neuropsychopharmacology und Brain Imaging ander Psychiatrischen Universutätsklinik Zürich, alias Burghölzli, gearbeitet hat und derzeit an der Berlin School of Mind and Brain  der Humboldt-Universität in Berlin forscht, weiß er also, wovon er spricht und schreibt.

Vom Unbewussten zum Alleswissen

"Die Macht des Unbewussten" hieß eine Dokumentation, die das WDR-Fernsehen Mitte Oktober 2012 ausstrahlte und die mit der Aussage beworben wurde, dass „über 90 Prozent von allem, was wir täglich machen, unser Gehirn quasi ohne uns“ erledigt. „Unbewusst, oft ohne dass wir es merken.“ Zwar wurde denen, die sich schon länger, wenn auch nicht unbedingt professionell, mit neuronalen Prozessen befassen, nichts wirklich Überraschendes geboten –  Benjamin Libet ließ deutlich grüßen – doch wurde immerhin der aktuelle Stand der Hirnforschung zum Thema Unbewusstes allgemeinverständlich zusammengefasst und mit teilweise aufschlussreichen Szenen belegt.

Bemerkenswert waren jedoch nicht nur die vorgestellten Forschungsergebnisse über das Zusammenspiel von Hirnstrukturen, Transmittern und neuronalen Schaltkreisen hinsichtlich der Lenkung menschlichen Verhaltens, sondern noch mehr die streckenweise geradezu euphorisch verkündeten Zukunftsprognosen der conditio humana. So verkündete ein Allan W. Snyder, immerhin Direktor des renommierten Centre For the Mind in Sydney, mit großer Begeisterung, dass „wir“ aufgrund des sich abzeichnenden Forschungsergebnisse, die nicht zuletzt auf einer von ihm entwickelten nicht-invasiven Hirnstimulation (non-invasive brain stimulation) beruhen, bald in der Lage sein würden, neue Denkmuster zu entfalten, um dann endlich „Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind“.

Menschen so sehen, „wie sie wirklich sind“? Eine wahrhaft phänomenale Prophezeiung! Dass Snyder mit seiner nicht-invasiven Hirnstimulation eine interessante Methode der Hirnmanipulation entwickelt hat, steht wohl außer Frage. Dass er daraus jedoch den Schluss zieht, damit Menschen demnächst vollkommen durchschauen zu können, also – sinnbildlich ausgedrückt – des Pudels Kern endlich vollständig enträtseln zu können, ist genau dieser minimale Schritt, der einem Quantensprung von wissenschaftlicher Erkenntnis zu heilskündender Phantasmagorie gleichkommt. Ein Schritt, der verantwortungsbewusste Wissenschaft hin zu wissenschaftsideologischer Exegese befördert, die die Hirnforschung immer häufiger auf boulevardeskes Terrain abgleiten lässt. Und das nicht durch auflagen- oder klickzahlengeile Medien, sondern durch Wissenschaftler selbst.

Das genau ist das Thema, dem sich Hasler in seiner aktuellen Publikation widmet: Das Sichtbarmachen des schmalen Grates zwischen wissenschaftlicher Redlichkeit und ideologieverliebten Utopien jenseits des – wahrscheinlich zu allen Zeiten – Menschenmöglichen. Ideologieverliebte Utopien, die nicht nur den idealen Nährboden für Mythenbildung liefern, sondern darüber hinaus auch noch gewinnbringende Manipulationen anfeuern.

Die Dekade des Gehirns

Den Begriff „Neuroscience“ prägte der amerikanische Biologe Francis Otto Schmitt, ehemals tätig am Massachusetts Institute of Technology (MIT). im Jahr 1962, also erst einige Zeit nach den ersten Versuchen, mit neuromolekularen Methoden der Funktionalität des Gehirns auf die Spur zu kommen. Dass die Medien einschließlich einer ganzen Armada von Fachpublikationen sich heute zuhauf bemühen, uns mittels Neuro-Neuigkeiten zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält – mal mehr, mal weniger kompetent – verdanken wir jedoch vorrangig dem ehemaligen US-Präsidenten Georg H.W. Bush (sen.). Seine 1990 ins Leben gerufene "Dekade des Gehirns" beschleunigte nicht nur die Forschungsintensität, sondern erwünschter Maßen auch den öffentlichkeitswirksamem Boom in den Medien.

Große Hoffnungen waren vor allem auf Entwicklungen gerichtet, die die Funktionsweise des Gehirns vor allem bei neurogenetischen Erkrankungen wie Autismus, Morbus Alzheimer, Schlaganfall, Epilepsie oder Schizophrenie besser zu verstehen und damit auch besser zu behandeln halfen. Wenn man die Wirkung dieser Initiative allein am Zuwachs der wissenschaftlichen Publikationen messen wollte, dann war es wahrlich ein grandioser Erfolg. Laut Joelle Abi-Rached von der London School of Economics gab es im Jahr 1968 weltweit 2.020 Fachaufsätze zu Struktur und Funktion des Gehirns, im Jahr 1988 waren es schon 11.770 und im Jahr 2008 schließlich 26.500 (2).

Wissenschaftsideologische Trends und ihre Nebenwirkungen

Zweifelsfrei konnten die Neurowissenschaftler besonders im technologischen, vielfach aber auch im molekularbiologischen Bereich einen Teil der Erwartungen erfüllen. So können inzwischen eine ganze Reihe von Zusammenhängen zwischen kognitiven und physiologischen Prozessen im Nervensystem mit Hilfe bildgebender Verfahren, vorrangig der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), recht präzise erkannt und beschrieben werden. Populärwissenschaftliche Berichte sprechen hier gern davon, dass man nun dem Gehirn beim Denken zuschauen könne.

Allerdings – bei aller berechtigten Genugtuung über das Erreichte – es sind noch mehr Fragen offen als beantwortet, und es wurden eben bedauerlicherweise auch fragwürdige Mythen etabliert, gerade mittels der bildgebenden Verfahren. Eine Reihe der aus heutiger Sicht leichtfertigen, voreiligen oder unhaltbaren Schlüsse halten sich enorm hartnäckig, so dass aufgrund der Mythenbildung eine Menge der berühmt-berüchtigten Nebenwirkungen generiert werden. Nebenwirkungen, mit denen sich Geld verdienen lässt.

Pharma-Doping für Gesunde, Smart Drugs fürs gehobene Wohlbefinden, Brain Boosters als Tuning fürs Durchschnittshirn – heute fast alltäglich. Mit ursprünglich für neurologische und psychische Erkrankungen entwickelten Medikamenten hat sich die Pharmaindustrie bereits einen Milliardenmarkt im „Lifestyle-Sektor“ erschlossen. Denn, so Hasler, befördert durch den jahrelangen Medienrummel um alles, was das Präfix Neuro vor sich herträgt, lässt sich mittlerweile mit gesunden Menschen mindestens so viel verdienen wie mit kranken.

Mythos Serotoninhypothese

Beispiel Antidepressiva. Sie haben mittlerweile einen enormen Anteil an den lifestylemäßig genutzten Medikamenten. Sie werden – auf ärztliches Rezept, versteht sich – von deutlich mehr Menschen eingenommen, als tatsächlich an Depression erkrankt sind. Hasler zitiert hier unter anderem aus einer pharma-ökomischen Studie aus dem Jahr 2007 (3). Diese besagt, „dass ganze 94 Prozent der Patienten, die durch Pharma-Direktwerbung motiviert zum Arzt gehen und eine Antidepressiva-Verschreibung wünschen und erhalten, gar keine behandlungsbedürftige Depression haben“.

Rekordhalter in diesem Wirkstoffsegment ist nach wie vor Serotonin. Und das, obwohl mehrere renommierte Wissenschaftler dem Serotonin-Metabolismus mittlerweile jede maßgebliche Wirkung auf psychiatrische Erkrankungen einschließlich echter Depressionen absprechen. So sagt etwa Elliot Vatenstein, Universität von Michigan: „Obwohl oft … erklärt wird, dass depressive Menschen einen Serotonin- oder Noradrenalinmangel haben, widerspricht die wissenschaftliche Beweislage diesen Behauptungen.“ (4)

Diese Ansicht deckt sich mit Erfahrungen aus der Stablon-Medikation. Stablon (Wirkstoff Tianeptin) ist ein Antidepressivum der SSRI-Gruppe, d.h. ein „Selektiver Serotonin-Wiederaufnahme Verstärker“, also ein Medikament, dass die Verfügbarkeit von Serotonin reduziert. Und – ausgerechnet mit diesem Medikament, das das vielfach als großen Helfer bei Depressionen befürwortete Serotonin reduziert, ließen sich gute Erfolge bei der Behandlung von Depressionen erzielen. Das bedeutet, Wissenschaftler experimentieren mit unterschiedlichen Methoden und Erfolgen, die insgesamt aber bislang wenig evidente oder sogar widersprüchliche Aussagen erbringen. Ziemlich unverblümt formulierte es 2011 der einflussreiche amerikanische Psychiater Allen Frances (5) auf einer Tagung in Berlin: „Auf jeden jungen Patienten, der richtig diagnostiziert wurde, kommen zwischen drei und neun Menschen, die fälschlicherweise zu Kranken gemacht werden.“ Und, noch krasser: „Unsere Neurotransmittertheorien sind nicht viel weiter als die Säftelehre der Griechen.“

Wie bei Serotonin müssen andere tatsächlich oder angeblich gesicherte Forschungsergebnisse hinsichtlich anderer Wirkstoffen herhalten, um die menschliche Existenz zu maximieren, ja möglichst in die Evolution einzugreifen. Denn die Erkenntnis, dass der Mensch nicht nur als Individuum, sondern auch als ganze Gattung nicht vollkommen und zudem noch endlich ist, gilt unter vielen Zeitgenossen als uncool.

So sieht (nicht nur) der britische Philosoph John Gray (6) eine ganze Lifestyle-Industrie im Dienste der Todesverleugnung. Zunehmender Beliebtheit erfreut sich daher auch die Kryonik – das Einfrieren alter Körper im Hoffen auf eine spätere Wiedererweckung, und manche Autoren, beispielsweise Ray Kurzweil, propagieren die These, dass mit Hilfe der Wissenschaften das Altern bald abgeschafft, der Mensch von seinen biologischen Fesseln befreit und sein Bewusstsein in einer digitalen Welt unsterblich gemacht werden.

Zugegeben: Solch drastische Prophetien kommen nicht von ernst zu nehmenden Wissenschaftlern. Doch evozieren manche von deren Aussagen eine entsprechende Hybris. Und leichtfertige Rückschlüsse oder Fehleinschätzungen finden sich keineswegs nur im molekularbiologischen Bereich. Die Neuro-Publizität hat längst auf mehr oder minder entfernte Disziplinen – etwa die Linguistik, die Informatik, die Philosophie oder die Theologie übergegriffen. Nicht zu vergessen die Forensik.

Mit weltbildgebenden (7) Verfahren zur Unfreiheit des „neuen Menschen“?

Fairerweise ist festzuhalten, was auch Felix Hasler ausdrücklich betont, dass die scharfe Kritik an den Neurowissenschaften nur einen relativ kleinen Teil dieses Forschungsbereiches betrifft. Allerdings ist es genau derjenige Teil und sind es diejenigen Vertreter, die am spektakulärsten auftreten und in den Medien am häufigsten abgehandelt werden. Während neurologische Untersuchungen, die erkunden, was im Gehirn bei Schlaganfällen oder Alzheimer vor sich geht oder wie Sinnesreize verarbeitet werden, durchaus Erfolge aufweisen und dringend erforderlich sind, dabei aber mehr oder minder unspektakulär und sachlich kommuniziert werden, verbreiten andere Sparten um sich herum eine Aura des Faszinosums, fast des Absoluten. Ganz vorn dabei die These vom determinierten Menschen ohne Willensfreiheit.

Zu den scheinbar unverwüstlichen Wurzeln, aus denen der Determinismus-Glaube erwuchs, zählen die Versuche des kalifornischen Physiologen Benjamin Libet aus den frühen 1980er Jahren. Dass der Nimbus vieles noch immer nährt, ist umso erstaunlicher, als längst systemische Fehlschlüsse bei seinen Experimenten nachgewiesen wurden. So konnten unter anderen die neuseeländischen Forscher Judy Trevena und Jeff Miller zeigen, dass es hinsichtlich der „ominösen Bereitschaftspotenziale“ keinerlei Unterschied macht, ob jemand eine Handlung ausführen wird oder nicht. Allein die Ansprache eines bestimmten Hirnareals durch anstehende Entscheidungsprozesse aktiviert die Bereitschaftspotenziale, die Entscheidung für oder gegen eine Handlung wird dadurch aber nicht bestimmt.

Im Titanenkampf zwischen dem „Mythos Determinismus“ (8) und dem „Mythos Willensfreiheit“ stehen hierzulande an der Determinismusfront ganz vorne Wolfgang Prinz, emeritierter Direktor des Leipziger Max Planck Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, Gerhard Roth, Professor am Institut für Hirnforschung der Uni Bremen, und Wolf Singer, emeritierter Direktor des Frankfurter Max Planck Instituts für Hirnforschung. Dieses Dreigestirn weist mit ähnlichen Argumentationssträngen den Begriff von der menschlichen Entscheidungsfreiheit zurück. Denn, so etwa Singer, das naturwissenschaftliche Kausalmodell, gemäß dem die Welt als geschlossenes deterministisches Ganzes anzusehen ist, schließe Freiheit aus. Die neuronalen Verknüpfungen des Hirns legen jedes Individuum in seinem Handlungsschema fest. „Keiner kann anders, als er ist“, so der Zitatklassiker der Determinismusfront.

Trotz dieser strikten Verweigerung des Freiheitsbegriffs sehen Wissenschaftler anderer Disziplinen, etwa Philosophen wie Peter Bieri, jedoch nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen Determinismus und Freiheit. Bieri, der die Überinterpretation der Libet-Experimente als „klassischen mereologischen Trugschluss“ und „abenteuerliche Metaphysik“ (9) erachtet, wendet ein, dass der Begriff der Willensfreiheit nur unter bestimmten Voraussetzungen im Gegensatz zum Determinismus stehe und dass diese Voraussetzungen keinesfalls akzeptiert werden müssten.

Holm Tetens, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin, stellt dagegen die Frage, ob physische Zustände, vor allen Dingen Gehirnzustände, überhaupt etwas wie Intentionalität repräsentieren können. Nur dann könnten mentale Zustände wirklich Gehirnzustände, also physische Zustände sein. Diese Frage hat lange Zeit die Diskussion in der Philosophie des Geistes beherrscht. Inzwischen gestehen allerdings etliche Philosophen zu, dass Intentionalität auf die eine oder andere Weise naturalistisch erklärt werden könne. Doch stärker als die Intentionalität scheint die Frage des Bewusstseins einer naturalistischen Erklärung im Wege zu stehen. Doch hier stellt Tetens die übergeordnete und damit wohl bedeutendere Frage, ob nämlich die empirischen Wissenschaften überhaupt etwas über Freiheit aussagen können und vor allem, was jeweils unter Freiheit verstanden werden soll. Ist Freiheit überhaupt an den freien Willen gebunden?

Ein entscheidender Hinweis kommt von dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel, der die Tatsache des subjektiven Empfindens als unzugänglich für jedes physikalische Erklärungsmodell erachtet. Denn keine physikalische Beschreibung könne etwas ganz Zentrales überhaupt erfassen: das bewusste subjektive Erleben.

Mit zwei Thesen entzieht Tetens sich allerdings der Aufgeregtheit der naturwissenschaftlichen Auseinandersetzung:
These 1: Der Mensch scheint aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht frei zu sein.
These 2: Selbst wenn der Mensch nicht frei ist, so ändert sich für ihn nichts (im Sinne der conditio humana, die Autorin). Was nicht zuletzt bedeutet, dass die Neurowissenschaften sich von normativen Ansprüchen fernhalten sollten.

Unfrei und verantwortungslos?

Wie prekär es werden kann, wenn Neurowissenschaftler normative Ansprüche stellen, zeigt die Forderung, dass Strafrecht zu reformieren, weil Forschungsergebnisse nahe legten oder gar angeblich beweisen würden, dass es die Schuldfrage im klassischen Sinn gar nicht gibt. Die Problematik wächst weiter mit dem Versuch, kulturelle Leistungen, ja die gesamte Existenz des Menschen durch einen reduktionistischen Ansatz auf das Gehirn zu reduzieren und psychisch-geistige Prozesse als durch messbare physische Vorgänge erklärbar anzusehen. Kritiker sehen diesen Ansatz in der Nähe des Zustandes, den René Descartes im 18. Jahrhundert den Tieren zuschrieb: der Mensch als reduktiv erklärbarer Automat.

Marx und die daraus erwachsene kommunistische Lehre forderten „den neuen Menschen“. Denn nur so könnten die gesellschaftlichen Verhältnisse, also die conditio humana, positiv weiter entwickelt werden. Rudi Dutschke und etliche andere der 68er Generation wiederholten mehr oder minder fanatisch diesen Anspruch. Leider versagten aber bislang sowohl der real existierende Sozialismus als auch andere Gruppierungen bei diesem Schöpfungsakt kläglich.

Ähnlich utopisch, wenn nicht gar fanatisch, wirken die Prophezeiungen von Neurowissenschafts-Apologeten à la Snyder, die uns die Sicht des „Menschen, wie er wirklich ist“ versprechen. Realistischer ist da eine gewisse, aus den nackten Tatsachen erwachsende Bescheidenheit, wie sie „Das Manifest“ der Publikation „Gehirn und Geist“ exemplarisch übt:

„Grundsätzlich setzt die neurobiologische Untersuchung des Gehirns auf drei verschiedenen Ebenen an. Die oberste erklärt die Funktion größerer Hirnareale, beispielsweise spezielle Aufgaben verschiedener Gebiete der Großhirnrinde, der Amygdala oder der Basalganglien. Die mittlere Ebene beschreibt das Geschehen innerhalb von Verbänden von hunderten oder tausenden Zellen. Und die unterste Ebene umfasst die Vorgänge auf dem Niveau einzelner Zellen und Moleküle. Bedeutende Fortschritte bei der Erforschung des Gehirns haben wir bislang nur auf der obersten und der untersten Ebene erzielen können, nicht aber auf der mittleren.“

Diese mittlere Ebene betrifft neben der Willensfreiheit auch die vieldiskutierten Themen Gottesvorstellung und Religiosität. Auch da stoßen die neuesten High-Tech-Verfahren an Grenzen. Sie können zwar darstellen und beweisen, dass religiöse Erlebnisse neurologische Entsprechungen im Gehirn haben. Sie enträtseln zwar viele Geheimnisse. Doch das alles, nur um direkt darauf vor neuen Rätseln zu stehen – etwa warum das alles so ist, also auf welchem Urgrund diese Vorgänge basieren. Das bleibt, genauso wie so vieles in der Hirnforschung insgesamt, eine Sache des jeweiligen Glaubens.

Nicht alles neu, aber so bisher nicht zusammengestellt

Streng beurteilt bringen Haslers Betrachtungen der aktuellen Neuro-Front für die, die sich bereits länger, wenn auch nicht unbedingt professionell, mit der Thematik beschäftigen, nicht allzu viel Neues. Vieles von seiner „Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ konnte, wenn schon nicht so detailliert, so doch zumindest rudimentär gewusst werden. Nicht zuletzt deshalb, weil er selbst einen Teil davon, vornehmlich Aussagen zum Komplex der Willensfreiheit, schon vor einigen Jahren vorgebracht hat. Aus dieser Zeit stammt auch ein jetzt vom Transcript Verlag bei YourTube eingestelltes Video. Zudem haben auch andere Autor/innen thematisch ähnliche Publikationen veröffentlicht, etwa die Philosophieprofessorin Brigitte Falkenburg das Buch „Mythos Determinismus“ im März dieses Jahres.

Dennoch ist die Lektüre von Haslers Buch wohl für die meisten gewinnbringend, da es das weit gefächerte Thema Neurowissenschaften ziemlich umfassend auf Bruchstellen abklopft und den aktuellen Stand der Auseinandersetzung faktengestützt darstellt. Das Fazit des Autors: „Die Neurowissenschaften versprechen revolutionäre Erkenntnisse und die Heilung von vielen Leiden. Beweise aber bleiben sie seit 50 Jahren schuldig.“ Doch: Es zeichnet sich Licht ab am Ende des durch etlichen Unfug mittels bildgebender Verfahren verkleisterten Tunnels. Längst haben sich etliche Wissenschaftler zu kritischen Gruppen zusammengeschlossen – etwa zu MEZIS (Mein-Essen-zahl-ich-selber), einer Vereinigung, die jegliches Pharmasponsoring ablehnt. Folglich glaubt Hasler, dass, gemäß dem „klassischen Gartner-Hype-Zyklus“, nun nach den völlig überzogenen Prophezeiungen der Weg durch das „Tal der Enttäuschungen“ endlich zu vernünftig dimensionierten und kommunizierten Forschungsergebnissen und Erkenntnisgewinnen führen wird. Denn die sind dringend nötig. Er ist nicht der Einzige, der es so oder ähnlich sieht.
 


Felix Hasler: Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung
Oktober 2012, Transcript Verlag., kart., 22,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1580-7, Reihe X-Texte
 

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1 Felix Hasler „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, 2012, Transcript Verlag
2 Felix Hasler: Neuromythologie, S. 17
3 Felix Hasler: Neuromythologie, S. 127
4 Felix Hasler: Neuromythologie, S. 128
5 Frances leitete Anfang der 1990er Jahre die Überarbeitung der derzeit aktuellen Auflage DSM-IV, die im Frühjahr 2013 durch das DSM-5 ersetzt werden soll
6 John Gray: Wir werden sein wie Gott, Klett-Cotta Verlag, September 2012
7 Wortschöpfung von Petra Gehring: Es blinkt, es denkt. Die bildgebenden und die weltbildgebenden Verfahren der Neurowissenschaft. In: Philosophische Rundschau 51 (2004), S. 273-293.
8 Siehe dazu auch: Brigitte Falkenburg, Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Springer, Heidelberg 2012.
9 Peter Bieri, Spiegel 10.01.2005
 

 

 

 

                                             

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