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Menschenwürde: 

 

Hehrer Begriff ohne festen Boden

 

Von Christa Tamara Kaul  

 

Sie ist universelles Allgemeingut. Jeder und jedem ist sie als eines der wertvollsten, unveräußerlichen Güter menschlicher Existenz zu eigen: die Menschenwürde. So steht es im deutschen Grundgesetz, so in den Verfassungen der meisten anderen Staaten dieser Welt. Mit ihr untrennbar verbunden sind die Menschenrechte, jene seit der französischen Revolution bis heute im Wesentlichen unverändert definierten und formulierten Grundrechte, ohne die ein "menschenwürdiges" Leben in Staat und Gesellschaft nicht gegeben ist. 

 

Diese Grundrechte werden von den Vereinten Nationen und von allen europäischen sowie den meisten anderen Staaten der Welt (zumindest offiziell formal) als conditio sine qua non einer humanen, zivilisierten Staats- und Völkergemeinschaft verbindlich garantiert und im Konfliktfall eingefordert. Doch während die Menschenrechte verhältnismäßig handfesten Inhalt bieten und damit auch weitgehend justiziabel sind, muss die Menschenwürde ohne wirkliche inhaltliche  Allgemeingültigkeit auskommen. Im Gegensatz zur Häufigkeit ihrer Anrufung, Zitierung und Einforderung ist die Menschenwürde hinsichtlich ihrer Definition einer der am meisten gemiedenen Begriffe.

 

Was also ist die Menschenwürde, was macht sie aus, was beinhaltet sie, worauf beruht sie? Und darüber hinaus: Wem wird sie zugestanden? Allen Menschen, quasi als Attribut der biologischen Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens, in vollem Umfang oder abgestuft? Kann sie auch verloren gehen? 

 

Die Antworten fallen, wie bei einem so fundamentalen wie weitgreifenden Bereich nicht anders zu erwarten, je nach weltanschaulichem, religiösem und philosophischem oder gar politisch-ideologischem Standort nicht einheitlich aus. Im alltäglichen Leben ist die Berufung auf sie oft mehr ein moralischer Appell, bisweilen auch nur eine leere Floskel. Sie muss nicht selten für alles und nichts herhalten. Und das macht den Umgang mit der Menschenwürde recht schwierig. Viel schwieriger, als das auf Grund der Zitathäufigkeit des nahezu ständig von irgendwem bemühten Begriffs zu vermuten ist. 

 

Geschichte der Menschenwürde: In der Geschichte taucht der Begriff recht früh auf. Schon griechische und römische Philosophen und Denker erwähnen sie, besonders dem Römer Cicero ist sie wichtig. Er führt den Begriff der dignitas ein. Allerdings weichen bereits in früheren Zeiten die inhaltlichen Definitionen voneinander ab. Verbindende definitorische Gemeinsamkeit ist überwiegend der Status des Menschen (wobei in der Antike Mensch nahezu immer mit Mann der Oberschicht gleichgesetzt wird) als eigenständige Person. Die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln steht dabei im Mittelpunkt. Einen ganz zentralen Punkt nimmt dann später diese Thematik im philosophischen Werk von Immanuel Kant und in der gesamten Aufklärung ein.

 

Auch unter heutigen Philosophen herrscht kein Konsens. Es wird auf der einen Seite die Ansicht vertreten, dass die Menschenwürde nicht allgemeinverbindlich für alle Zeiten und für alle Möglichkeiten menschlicher Existenz fest definiert werden kann bzw. definierbar ist. Sie muss demnach in unterschiedlichen Epochen und Kulturen immer wieder neu verhandelt und bestimmt werden, so Prof. Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf. Auf der anderen Seite ist auch die genau entgegengesetzte Meinung zu hören, wie etwa von Prof. Edmund Braun von der Universität Köln, dass nämlich die Menschenwürde unveränderbar und zeitunabhängig festgelegt sei. 

    Abb.: Paul Klee  -  Gefangen

 

Die christliche Gottebenbildlichkeit: Für Christen wurzelt die Menschenwürde zwar nicht ausschließlich, aber doch wesentlich in der sogenannten Gottebenbildlichkeit. Das Leben und die "einzigartige Würde des Menschen" werden als Gottes unantastbare Gaben angesehen und geachtet. Doch vereinfacht das die Sache nicht wirklich, denn bei der Definition dieser Ebenbildlichkeit tun sich Theologen mindestens ebenso schwer wie Philosophen und Juristen bei der Definition der Menschenwürde. 

 

"Der Mensch verdankt sein Sein als Person der vorbehaltlosen Anerkennung durch Gott, die zur wechselseitigen Anerkennung der Menschen untereinander verpflichtet. ... In christlicher Sicht verdankt sich personales Sein der schöpferischen Kraft der Liebe Gottes, die sich den Menschen zum personalen Gegenüber erschafft, und zwar in jedem neuen Werden eines Menschen." So steht es in der EKD-Publikation "Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen", und die gleiche Position vertritt auch die katholische Kirche.

 

Die meisten Theologen und Philosophen, sofern diese sich mit dem Begriff befassen, halten heute den Tatbestand der Vernunft, die als eine notwendige Voraussetzung zur Unterscheidung von Gut und Böse gilt, für ein unverzichtbares Kriterium der Ebenbildlichkeit. So beispielsweise der Heidelberger Theologe Prof. Dr. Gerd Theißen,  der sowohl die Vernunft als auch die Freiheit (der Entscheidungsmöglichkeit) als unabdingbare Kriterien der Ebenbildlichkeit anführt. Philosophisch wird auch der Begriff der Selbstachtung eingebracht.

 

Die unauflösliche Einheit von Menschenwürde und Vernunft, Entscheidungsfreiheit sowie Selbstachtung trifft wohl im Regelfall zu, eine kategorial unbedingte Verbindung zwischen ihnen besteht jedoch nicht. Da beispielsweise einem Säugling, einem Komapatienten oder einem geistig Schwerstbehinderten, geschweige denn einem Embryo, nicht das gleiche Maß an Entscheidungsfreiheit oder Inanspruchnahme von Selbstachtung zukommen kann wie einem "normalen" Erwachsenen, muss es logischerweise verschiedene Phasen bzw. Stadien bei der Umsetzung der Menschenwürdekriterien geben. 

 

Doch selbst wenn bereits die biologische Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens den Anspruch auf Menschenwürde garantieren sollte, kann es trotzdem zu Interessenkonflikten kommen. Erinnert sei an das Recht auf Selbst- und Landesverteidigung  oder die in einigen Fällen erforderliche medizinische Entscheidung, einen von zwei Menschen zugunsten des anderen sterben zu lassen, beispielsweise bei der Trennung von Siamesischen Zwillingen oder bei Mehrlingsschwangerschaften. In allen genannten Fällen werden notgedrungen Abwägungen vorgenommen und damit auch Menschenrechte und Menschenwürde mehrerer Individuen gegeneinander abgewogen und teilweise bzw. zeitweilig außer Kraft gesetzt. 

 

Unabhängig davon lässt sich die  Gottebenbildlichkeit vor dem Hintergrund der "Neuen Physik", die beispielsweise seit längerem die Erkenntnis geliefert hat, dass Energie und Materie keineswegs Gegensätze sind, wie noch bis zum letzten Jahrhundert angenommen, sondern  zwei unterschiedliche Zustände ein und derselben Existenz, auch sehr viel anders interpretieren als im herkömmlichen Verständnis. Nämlich sehr naturwissenschaftlich, eher physikalisch also. Dies ist auch unter christlichen Theologen keineswegs mehr tabu. 

 

 

 

 

März 2012  -  Ausführlicher Text (kostenpflichtig) auf Anfrage

 

 

© Christa Tamara Kaul