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Christa Tamara Kaul:

Praxisnetze und mehr - Vernetzung im Gesundheitswesen

2000

ISBN 3933335035

(vergriffen)

 

 

 

 

 

 

Kassenärztliche Bundesvereinigung

KBV

 

 

Bundesärztekammer

BÄK

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

 

 

 

Reform um Reform - und kein Ende?

 

Praxisnetze und mehr ...  Vernetzung im Gesundheitswesen

 

Von Christa Tamara Kaul  

 

 

Dass unser Gesundheitswesen reformbedürftig ist, und zwar vor allem aufgrund von finanziellen und demographischen Entwicklungen, ist quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager bekannt und anerkannt. Jenseits dieser allgemeinen Aussage jedoch hört der Konsens  auch schon auf. Über das Wie, Was und Wann der notwendigen Reform wird zwischen den Beteiligten, also den Ärzten, den Kassen und den politischen Parteien, bereits seit Jahren gestritten.

 

Gesundheitsreformen kommen und gehen, stark abhängig von den jeweiligen politischen Mehrheitsverhältnissen, und werden uns ganz sicher auch in Zukunft noch weiterhin beschäftigen. Einige Strukturelemente allerdings, die die zukünftige Entwicklung ganz unausweichlich prägen werden, tauchen in allen Plänen und Diskussionsbeiträgen auf. Vernetzung und Telekommunikation zählen zu diesen wesentlichen Zukunftselementen, sie sind Metaphern der aktuellen Diskussion um eine sinnvolle Neustrukturierung unseres Gesundheitssystems. Die jüngst wieder aus dem Bundesgesundheitsministerium angestoßene Debatte um eine "Arzneimittel-Chipkarte" beweist es.

 

Dabei gibt es zwei unterschiedliche Ansatzpunkte von Vernetzung, die aber letztlich wie die zwei Seiten einer Medaille zusammengehören: die elektronische Vernetzung, also die technologische Komponente, und die strukturelle Vernetzung der verschiedenen Ebenen der medizinischen Versorgung, also die wirtschaftlich-gesellschaftliche Seite. Beides korrespondiert stark mit Grundsatzfragen gesellschaftlicher Szenarien, deren Realisation weiterhin aufmerksamer, kritischer Beobachtung bedarf. Dennoch ist vieles in praxi schon soweit gediehen, dass es bereits heute ganz alltägliche, praktische Vorteile bietet. Wohin die Entwicklung in Zukunft gehen wird, welche Konzepte vorliegen und was davon schon heute mehr Praxisnutzen und Lebensqualität bietet, lässt sich weitgehend erkennen und bietet gesundheitsreformgestressten Ärzten so manche Erleichterung. Und diese kommt letztendlich wieder den Patienten zugute.

 

Man mag es manchmal schon gar nicht mehr hören, das Wort Vernetzung, einer der derzeit meist strapazierten Begriffe. Doch er hat seine Berechtigung, auch wenn er alles andere als eine neue Methode verkündet. Die Evolution hat das Muster geliefert, die Natur zeigt es immer wieder und überall deutlich: Vernetzung ist die effektivste Organisationsstruktur. Dort, wo Informationen, Dienste und Materialien direkt, schnell und vielseitig ausgetauscht werden, können Hochleistungen erbracht, gewaltige Energien verfügbar gemacht und Lebensqualität gewonnen werden. Umgekehrt haben Einzelgänger meist schlechte Karten, ausgegrenzt aus einem Verbund, sind sie oft geschwächt, stehen im schlimmsten Fall auf verlorenem Posten. Unser Gehirn mit seinen Milliarden Zellen und netzwerkartig verknüpften Bahnen demonstriert als Paradebeispiel dieses Funktionsprinzip. Wenn die Ernährung der Zellen ausbleibt, der Austausch von Botenstoffen und biochemisch-elektrischen Signalen blockiert wird, dann brechen alle von diesem in gesundem Zustand auch heute noch jeglicher Hochtechnologie überlegenen Organ abhängigen Systeme zusammen.

 

In dem recht dramatischen Wandel, in dem sich das  deutsche Gesundheitssystem befindet, wird allen im Gesundheitswesen Tätigen, also allen voran den Ärzten, Zahnärzten, Apothekern und anderen Heilberuflern,  immer mehr zeit- und kostenintensive Aufgaben abverlangt, die mit ihrem originären Berufsbild wenig  zu tun haben. Hinzu kommt ein rasanter wissenschaftlicher Fortschritt in Medizin und Pharmazie mit einer Publikationsfülle, deren angemessene Adaption und Umsetzung in der eigenen Praxis zunehmend schwieriger wird. Unkomplizierte, schnelle Information und effektive Kommunikation sind um so mehr Voraussetzungen, um mit den aktuellen Herausforderungen fertig zu werden. Daher ist eben Vernetzung so wichtig und wird es zukünftig immer mehr. Dass bei allen neuen Lösungsansätzen anstehender Probleme neben den Chancen immer auch auch neue Risiken mit in Betracht gezogen werden müssen, ist Binsenweisheit. Was nun ist konkret mit Vernetzung im Gesundheitswesen gemeint?

 

Zum einen geht es um den konsequenten Einsatz der Telematik mit besonders starker Gewichtung der elektronischen Vernetzung und Online-Kommunikation auf der Basis der Internettechnologie. Umfassende arztrelevante, bedarfsgerechte Informationen, komfortable Recherchemöglichkeiten und ebenso sichere wie deutlich beschleunigte Kommunikation zwischen Praxen, Kliniken, Apotheken und Standesorganisationen, kurzum eine neue Qualität ärztlicher Tätigkeit mit Hilfe eines zeitgemäßen Kommunikationssystems ist im Entstehen.

Zum anderen steht eine grundlegende Neustrukturierung der medizinischen Versorgung in Deutschland (und längerfristig auch in Europa) an, die in ersten Schritten mit „Praxisnetzen“ bzw. „Vernetzten Praxen“ durch verbesserte Koordination der Leistungen und eine höhere Durchlässigkeit der traditionellen Strukturen durch verstärkte Kooperation eine rundum höhere Effizienz der Patientenversorgung erreichen will.

 

Beide Formen der Vernetzung haben, so unterschiedlich ihre Ansatzpunkte zunächst auch sein mögen, dasselbe Ziel: schnellere und gesicherte Informationen für den Arzt und Apotheker und eine rund um die Uhr gewährleistete sofortige Betreuung der Patienten auf der jeweils „richtigen“, sprich der sowohl kostengünstigsten als auch kompetentesten Ebene, die den Patienten und die Solidargemeinschaft belastende zeit- und geldraubende Mehrfachuntersuchungen ausschließt. Damit soll das Kunststück einer Qualitätssicherung oder gar -steigerung der medizinischen Versorgung bei gleichzeitiger Kostensenkung vollbracht und der finanzielle Kollaps unseres (medizinisch sehr guten) Gesundheitssystems vermieden werden.

 

Die Technik oder richtiger die technischen Voraussetzungen für eine funktionierende digitale Vernetzung und sichere Telekommunikation aller Gesundheitsdienstleister sind gegeben. Allerdings gilt es noch eine ganze Reihe ernst zu nehmender Hürden zu überwinden: teilweise mangelndes Interesse, noch zu hohe Kosten für eine adäquate telematische Ausrüstung von Praxen und Organisationen, erhöhte Arbeitsbelastung bei der Einführung neuer Technologien, partiell fehlende gesetzliche Regelungen und Uneinigkeit auf der Funktionärsebene der Körperschaften. Dennoch sei es wiederholt: Die Telematik bietet wesentliche Werkzeuge sowohl für die Überlebensfähigkeit der einzelnen Praxen als auch für die Reform der gesamten medizinischen Versorgung hin zu einem zukunftsfähigen Gesundheitswesen.

 

Der strukturelle Ansatz von Praxisnetzen

 

Das Schlagwort Vernetzung tauchte im medizinischen Bereich zunächst, d.h. in den achtziger Jahren, im Zusammenhang mit den ersten telemedizinischen Pilotprojekten auf. Doch der Begriff Vernetzung hat es nicht nur "total digital", sondern inzwischen auch im Hinblick auf eine fundamentale Neustrukturierung der medizinischen Versorgung zu großer Popularität gebracht: Seit einigen Jahren machen die „Vernetzen Praxen“ bzw. „Praxisnetze“ oder „Ärztenetze“ von sich reden. Korrekter, allerdings sprachlich sperrig ist die Formulierung „Neue vernetzte Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen“.

 

Während die elektronische Vernetzung in erster Linie ein Objekt von Ingenieurwissenschaft und Technik ist, fällt die Etablierung „Vernetzter Praxen“ in den Bereich von Gesundheits- und Standespolitik.

 

Eine Neustrukturierung der zukünftigen medizinischen Versorgung, die alle Beteiligten zufriedenstellt, ähnelt der Quadratur des Kreises. Die Ärzte verlangen eine angemessene und über längere Zeiträume kalkulierbare Vergütung ihrer Leistungen, die Patienten erwarten die effektivste, d.h. die bestmögliche, aber keineswegs überdimensionierte Versorgung, die Krankenkassen suchen nach der wirtschaftlichsten Form der Leistungserbringung, und der Politik muss an einer auf lange Sicht finanzierbaren Grundversorgung der Bürger gelegen sein. Anders ausgedrückt geht es darum, die Qualität der medizinischen Versorgung auf dem jeweils zeitgemäßen Stand gewährleisten und doch angemessen finanzieren zu können. Das bedeutet eine rund um die Uhr garantierte Versorgung der Patienten auf der jeweils „richtigen“, sprich der zugleich kostengünstigsten (= effizientesten) und kompetentesten (= effektivsten) Ebene. Daraus ergeben sich die zentralen Trends: Qualitätssicherung und Kostenkontrolle. Es sind die Basiselemente von zukunftsorientierten Praxisnetzen.

 

Kurzfristig kommt es darauf an, die Tätigkeit jedes Arztes, jeder Ärztin effizienter zu gestalten, indem die Kooperation der Beteiligten auf vorhandenen Grundlagen optimiert wird.  Erster Schritt in diese Richtung ist die verbesserte Koordination der Leistungen von Arztpraxen untereinander in Praxisnetzen, darüber hinaus auch mit Pflegediensten und Kliniken. Überall in Deutschland sind solche Netze inzwischen entstanden, eine noch größere Zahl ist in Vorbereitung. Auf längere Sicht muss jedoch eine weitere Komponente hinzukommen: Erst wenn die althergebrachten sektoralen Abgrenzungen von ambulanter und stationärer Versorgung überwunden und die Versorgungsstrukturen neu geordnet und integriert werden, lässt sich von einer angemessenen Reform des Gesundheitswesens sprechen.

 

Fakt ist, dass unterschiedliche Modellprojekte an den Start gegangen sind, sowohl von Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) konzipierte und/oder von diesen unterstützte Projekte als auch verschiedene Muster privat organisierter Ärztenetze. Das verspricht einen breitgefächerten Erfahrungshorizont, denn analog dem Kölner Lebensmotto „Jeder Jeck ist anders“ gilt auch: Netz ist nicht gleich Netz.

 

Verschiedene Netz-Modelle

 

Wie sieht Vernetzung konkret aus, welche Formen konkurrieren? Vier Gruppen sind im wesentlichen in der aktuellen, bisweilen kontroversen Diskussion: reine Präsenzdienste mit oder ohne KV-Beteiligung, das Hausarztmodell, das Modell der kombinierten Budgets und das Einkaufsmodell. Das ebenfalls oft genannte Primärarztmodell, bei dem von einem als „Gatekeeper“ fungierenden Arzt die Patienten zu den notwendigen BehandllungsMaßnahmen an die entsprechenden Praxen bzw. Dienste weiterverwiesen werden, wurde bewusst nicht in diese Reihe gestellt, da es in allen genannten Formen, mit Ausnahme des reinen Präsenzdienstes, mehr oder minder ausgeprägt integriert ist.

Das Einkaufsmodell ist im Gegensatz zu den anderen bisher in Deutschland noch nicht in die Tat umgesetzt worden und äußerst umstritten. Es besagt, dass die Krankenkassen direkt mit von ihnen ausgewählten Ärzten Verträge über fest umrissene Leistungen und deren Vergütung abschließen, diese Leistungen also ohne Einfluss der mit den KVen getroffenen Regelungen „einkaufen“. Es ist das Muster, nach dem die meisten amerikanischen Health Maintenance Organizations (HMO) arbeiten und offensichtlich viel Geld einsparen. Die Kassen würden sich auf diese Weise vom passiven Kostenträger zum aktiven Mitgestalter der medizinischen Versorgung wandeln, eine Entwicklung, die von den Ärzten mit Sorge betrachtet und „offiziell“ abgelehnt wird.

 

Die einfachste Form von Vernetzung ist die privat organisierte, vertraglich geregelte Kooperation verschiedener Haus- und Fachärzte auf der Basis von intensivem Informationsaustausch und der Festlegung bestimmter, eventuell arbeitsteiliger Zuständigkeiten und der Etablierung eines Präsenzdienstes. Das entspricht oft der Institutionalisierung eines ohnehin schon vorhandenen „Zuweiserkreises“ (bei dem die Hausärzte auch früher ihre Patienten an bestimmte Fachärzte oder Kliniken „inoffiziell“ weitergeleitet haben). Dieser Netzkern wird je nach Bedarf durch neue Kollegen erweitert und durch zusätzliche Dienstleistungen ergänzt.

 

Präsenzdienst bedeutet, dass die Patienten rund um die Uhr immer einen kompetenten Ansprechpartner für die Erstversorgung in dem ihnen bekannten Umfeld antreffen. Das lässt sich, ohne wesentliche Zusatzbelastung der einzelnen, über abgestimmte Öffnungszeiten der angeschlossenen Praxen, eine einheitliche Telefonnummer oder eine Rufweiterschaltung in einem ISDN-Netz sowie die Einrichtung eines Notdienstes oder sogar einer Notfallpraxis garantieren. Diese ständige Erreichbarkeit sorgt für eine verstärkte Patientenbindung und die Vermeidung unnötiger Krankenhauseinweisungen, die gezielte Patientensteuerung für die Vermeidung unnötiger Doppeluntersuchungen.

Je nach Zielvorstellung der Mitglieder lassen sich darüber hinaus Netze mit unterschiedlich intensiven Kooperationsformen und verschiedenen Rechtsformen verwirklichen. Das reicht von einer vereinsähnlichen oder genossenschaftlichen Organisation bis zur Gründung einer Betriebsgesellschaft mit beschränkter Haftung. Als Rationalisierungspotentiale bieten sich an der gemeinsamer Erwerb und/oder Betrieb von Medizintechnik sowie von Informations- und Kommunikationstechnik, ein kollektiver Mitarbeiter-Pool sowie eine gemeinsame Praxisorganisation, die vom Einkaufsdienst für Praxismaterial und -ausrüstung bis hin zu einer zentralen Verwaltungsgesellschaft reichen kann. Ein Qualitätsmanagement (Qualitätszirkel, Definition von Qualitätsstandards) sollte auch in privat organisierten Netzen unbedingt realisiert werden.

 

Zusätzliche Attraktivität lässt sich gewinnen durch gemeinsame Dienstleistungen, die über den Rahmen der Kassenleistungen und sogar den der privaten Versicherungen hinausgehen. Entscheidend ist, dass diese von den Patienten nachgefragt bzw. angenommen werden. Was tatsächlich realisiert und welche Mehrwertdienste etabliert werden können, hängt, gerade bei den über die Kernkompetenzen hinausgehenden Angeboten, sehr stark von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten ab.

 

Das alles lässt sich mit fachkundiger Beratung durch Juristen, Finanz- und Steuerexperten auf den Weg bringen. Doch sobald „offizielle Versorgungsverträge“ übernommen werden sollen, das fängt bei der Einbindung des Präsenzdienstes in den KV-Notfalldienst an, ist (bis auf weiteres) die Einbeziehung der Kassenärztlichen Vereinigung unumgänglich.

Die Vereinbarungen mit KVen und Kassen sind für Vernetzte Praxen zwingende Voraussetzung, wenn Sonderregelungen innerhalb des gesetzlichen Vergütungsystems, also Anschubfinanzierungen für Investitionen, feste Punktwerte, Sonderhonorare usw., angestrebt werden. Das 2. GKV-NeuOrdnungsGesetz hat seit Juli 1997 die Grundlage für eine Vielzahl von Praxisnetzvarianten im Rahmen des mit den Körperschaften vereinbarten Versorgungsauftrages geschaffen. Und zwar auch für eine Reihe von Varianten, die etliche ursprüngliche Inhalte aushebeln bzw. aufheben. Fast alles geht, wenn Konsens erreicht wird.

Bei dem Hausarztmodell (immer mit KV-Beteiligung) kommt dem Hausarzt die Rolle des Lotsen  innerhalb eines Ärztenetzes zu. Der Patient sucht sich einen Hausarzt seiner Wahl und verpflichtet sich, weitere medizinische Maßnahmen nur aufgrund von dessen Veranlassung bzw. Überweisung in Anspruch zu nehmen.

Wirklich zukunftsweisend, im Hinblick auf die Neustrukturierung des Gesamtsystems, sind Praxisnetze mit kombinierten Budgets. Erst hier „folgt das Geld wirklich der Leistung“, wie von Ärzteseite immer wieder gefordert, kommt tatsächlich Bewegung in die Landschaft des Gesundheitssystem, insbesondere in das Versicherungssystem. Daher gibt es auch hier die größten Hindernisse zu überwinden.

Die Zusammenlegung von Budgets bislang getrennter Bereiche (z. B Hausarzt/Facharzt, ambulant/stationär) und die Zuweisung der Vergütungen aus dem gemeinsamen Topf an den/die Leistungserbringer machen, neben der Stärkung des Kassenarztes, das Kernelement von neuen vernetzten Strukturen aus. Dem Kassenarzt, und hier ganz vorrangig dem (überweisenden) Hausarzt, kommt die zentrale Stellung in einem wirklich vernetzten System zu, die sogenannte Lotsen- bzw. Gatekeeper-Funktion. Er entscheidet, welche Behandlung wie (Facharzt) und wo (ambulant oder stationär) erfolgen muss, ob und welche Medikamente nötig sind. Und diese Verantwortung für verordnete und veranlaßte, aber auch für als unnötig eingestufte und daher eingesparte Leistungen muss sich finanziell widerspiegeln. Das bereits angesprochene Qualitätsmanagement (Qualitätszirkel, Definition von Qualitätsstandards) ist in diesen Netzstrukturen ein muss.

Grundsätzlich gilt: Zusammenarbeit senkt die Praxiskosten, nach der Anlaufzeit im Regelfall auch den Stress. Dabei liegt eine starke Betonung auf Zusammenarbeit, d.h. auf Arbeitsteilung. Nur wenn tatsächlich ein Teil der individuellen Entscheidungsfreiheit abgegeben und Einsicht in das eigene Praxisgeschehen gewährt wird, lässt sich eine Rationalisierungsqualität durch die Netzarbeit bewirken. Wesentliche Instrumente der Kooperation in einem Praxisnetz sind die Leitungsgremien. Deren Zusammensetzung kommt daher große Bedeutung zu.

Wo Vorteile sind, finden sich auch Nachteile. Ambivalent beurteilt werden von Beteiligten bestehender Netzen vor allem die Einschränkung individueller Entscheidungsfreiheit, die in Kooperationen zwangsläufig erforderliche Offenlegung eines Teiles der Praxisabläufe, also ein mehr an Transparenz, und die Gefahr von Selektion bei den voraussichtlich kommenden Direktverträgen zwischen Kassen und Ärztenetzen. Transparenz, also die partielle Einsicht in die Praxis-Interna von Kollegen, mindert den Konkurrenzdruck, sagen die Befürworter kooperativer Arbeit. Ganz im Gegenteil, argwöhnen die Skeptiker, das kann von unsolidarischen Kollegen ausgenutzt werden.

Fragen tauchen auch hinsichtlich der Maßnahmen von Kassen und dem Verhalten von Kollegen auf: Was haben Ärzte zu erwarten, wenn sie die vereinbarten Netz-Standards nicht erbringen? Doch gibt es diesbezüglich noch keine Erfahrungen. Übereinstimmung herrscht dagegen bei fast allen Ärztinnen und Ärzten, die bereits Netzerfahrung haben, darüber, dass die Mehrbelastung am Anfang recht hoch ist, der Ein- und Umgewöhnungsaufwand sich aber, wenn das Gesamtkonzept stimmt, auf jeden Fall lohnen und auf Dauer auszahlen. Je intensiver das eigene Engagement eingebracht wird, um so schneller sind in der Regel Erfolge sichtbar.

Und wo, bitte schön, geht’s zum Netz, wie kommt man am schnellsten hin? Rat und Beratung gibt es mittlerweile recht vielfältig, bei Kollegen schon arbeitender Ärztenetze, bei den KVen, in mehreren Publikationen. Doch Vorsicht, auch und besonders bei letzteren: Viele selbst ernannte Netz-Experten geistern durch Presse und Buchmarkt mit mehr als schlichten Allgemeinplätzen.

 

Deshalb sollte jeder Kooperationswillige schon vor einer Kontaktaufnahme mit Kollegen bzw. der KV einige Fragen für sich selbst geklärt haben. Prüfen Sie anhand der folgenden Listen Ihre grundsätzlichen Ziele und Ihre Bereitschaft, diese konsequent zu verwirklichen. Kreuzen Sie in den Prüflisten (nur im Buch enthalten) die Punkte an, die Ihre Interessen abdecken. Wenn Sie hier weniger als die Hälfte der Punkte angekreuzt haben, sollten Sie Ihre eigene Situation noch einmal genau überdenken, bevor Sie konkrete Schritte einleiten. Bei einer überwiegend positiven Einstellung kann der Einstieg in konkrete Verhandlungen beginnen, doch muss dann auf der Verhandlungsebene über die betriebswirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen eines Praxisnetzes Klarheit erzielt werden. Ärzten, die noch über einen sehr geringen Kenntnisstand hinsichtlich von Praxisnetzen verfügen, kann der grundlegende Fragenkatalog nützlich sein, den die KBV in ihrer Broschüre „Arbeitsbuch für Netze“ zur Verfügung stellt.

 

 

 

 

Christa Tamara Kaul

Praxisnetze und mehr - Vernetzung im Gesundheitswesen

Taschenbuch für Ärzte - Knoll-Deutschland, Ludwigshafen - 2000

ISBN 3933335035

 

Inhalt

 

I. Technologische und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen für Telemedizin, Elektronische Ärztenetze und Vernetze Praxen

 

II  Vernetzte Praxen und Praxisnetze

Auf dem Weg zu neuen Strukturen im deutschen Gesundheitswesen

Der strukturelle Ansatz von Praxisnetzen

Beispiele bereits funktionierender Praxisnetze

MQR Medizinische Qualitätsgemeinschaft Rendsburg

ÄQR - Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Ried

Praxisnetz Berliner Ärzte  BKK/TK

Qualität und Humanität - Vernetze Praxen Konstanz / Freiburg

GATE Berlin - Gemeinschaft Ambulanter Therapeutischer Einrichtungen 

MQM Medizinisches Qualitätsnetz München

Auswahl weiterer Praxisnetz-Adressen

 

III  Telemedizin - Begriffsklärung

Chancen und Probleme der neuen Medien im Gesundheitswesen

EPA - die integrierte multimediale elektronische Patientenakte

Elektronische(s) Netz(e) für Medizin und Gesundheitsverwaltung -„Gesundheitsplattform“

Datenkarten: Patientenkarten u. Professional Cards

Elektronische Signatur und elektronischer Arztausweis

Elektronisches Rezept, Online-Kassenabrechnung und ärztliche Weiterbildung

Informationelles Selbstbestimmungsrecht

Die ersten Schritte am medizinischen Online-Markt

 

IV Das wird Ärzten heute geboten:

Geschlossene Netze und offene Informationsdienste auf Basis der Internettechnologie

Deutsches Forschungsnetz

DGN  Deutsches Gesundheitsnetz

HOS multimedica (mit Physicians’ Online)

TeleMed

T-Mart. Global Healthcare und T-TeleSec

DeutschlandMed

DIMDI

Das Gesundheits-Web

AWMF

Deutsches Medizin Forum

MedizInfo

Deutsches Pharmazie Forum

IDT Integrierter Datentransfer

 

V Telematik und neue vernetzte Versorgungsstrukturen: 

Basis effizienter Arbeit

 

VI Glossar

Einige wichtige Begriffe und Abkürzungen zum Thema

 

VII Adressen / Ansprechpartner / Informationsquellen

 

VIII Literatur

 

Weiter gehende Auskünfte zu diesem Buch und /oder Material bzw. Artikel zu diesem Thema auf Anfrage

 

 

 

 

© Christa Tamara Kaul