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Medienforum.NRW 2011
 

Im Blickpunkt: Starke Frauen
 

Christa Tamara Kaul  | 23.06.2011

 

Es war auffallend: Noch deutlicher als in den vergangenen Jahren traten beim diesjährigen Medienforum.NRW starke Frauen in den Blickpunkt. Frauen, die Rundfunkanstalten und große Unternehmen leiten, Frauen, die für Pressefreiheit und Bürgerrechte kämpfen oder die anderweitig Einfluss auf die Entwicklung von und durch Medien nehmen. Frauen also wie Hannelore Kraft, Monika Piel, Anke Schäferkordt oder Esra‘a Al Shafei. Und ja, selbstverständlich auch die derzeit anscheinend unvermeidbare Margot Käßmann.
 

Medienpolitik reloaded

 

Da ihr als nordrhein-westfälischer Ministerpräsidentin die Aufgabe zufiel, mit ihrer Rede den Kongress thematisch zu eröffnen, setzte Hannelore Kraft folglich auch den ersten Schwerpunkt. Und der lautete stark verkürzt: NRW ist medien- und standortpolitisch grundsätzlich gut aufgestellt. Die Richtung der eingeschlagenen Wege stimmt, allerdings gelte es, sie weiterzuführen und zukunftsgemäß zu  ergänzen. Eine Feststellung, die die vorangegangenen NRW-Regierungen sicher gern zur Kenntnis genommen haben.

 

Beim heftig diskutierten Thema Werbung plädierte Kraft für eine Reduzierung oder gar völlige Abschaffung bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das lasse sich aufgrund der neuen Haushaltsabgabe finanziell gut verkraften. Um die schon jahrelang angestrebte Verjüngung des Stammpublikums der Öffentlich-Rechtlichen wirkungsvoller als bisher zu realisieren, empfahl sie die digitalen Spartenkanäle neu zu sortieren und teilweise auch zusammenzuführen. Als  zukunftsträchtig empfahl sie einen gemeinsamen digitalen Jugendkanal von ARD und ZDF und eine öffentlich-rechtliche Online-Plattform für junge Zielgruppen. Ein besonderes Anliegen muss ihr - wie jedem anderen Regierungschef - die zukunftsorientierte Bildung von Kindern und Jugendlichen sein. Auch und gerade im Hinblick auf die Medienkompetenz. Folgerichtig legte sie ein klares Bekenntnis zur Fortführung des von der Regierung  Rüttgers eingeleiteten Projektes "ZeitungsZeit NRW" ab. Dieses ermöglicht Schülern der neunten Klasse, drei Monate lang kostenlos (weil landesfinanziert) eine regionale oder lokale Tageszeitung zu beziehen. Durch die bisherige Aktion, so Kraft, sei bereits jeder vierte Neunklässler zum Zeitungsleser geworden. Keine Frage: Das ist eine gute Nachricht. "Denn nur wenn schon junge Menschen lernen, was eine glaubwürdige Nachricht ausmacht, was wir unter dem Begriff Qualitätsjournalismus verstehen, nur dann hat dieser Qualitätsjournalismus eine Zukunftsperspektive."

 

WDR-Intendantin im nordafrikanischen Palast?

 

Das Stichwort Zukunftsperspektive und Qualitätsjournalismus beschäftigte auch die WDR-Intendantin Monika Piel, wenn auch unter anderem Vorzeichen. Sie steht derzeit turnusmäßig an der Spitze der ARD, trat also quasi doppelgewichtig in Erscheinung. Was offensichtlich einen  Blogger und freien Journalisten namens Richard Gutjahr zu der Feststellung bewog: "Die Mächtigen in den Sendern kommen mir so vor wie die Machthaber in nordafrikanischen Ländern." Und zwar deshalb, weil sie die Stimme(n) des Volkes, die sich in Blogs und Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter artikulierten, nicht gebührend zur Kenntnis nähmen. Doch mit diesem nassforschen Einstand erlangte Gutjahr keineswegs den wohl erhofften Jubel des Auditoriums. Allerdings schaffte er es, damit das prominent besetzte Podium einigermaßen aufzumischen. So  attestierte ihm Monika Piel Anmaßung, und zwar unter dem demonstrativen Beifall des Auditoriums. Dass Personen nicht aktiv bei Facebook oder Twitter vertreten seien, belege noch lange nicht, dass sie das Treiben in den sogenannten Sozialen Netzwerken nicht zur Kenntnis nähmen und dort, wo es angebracht sei, auch journalistisch auswerteten.

 

Mit Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin von RTL, dem kommerziell erfolgreichstem Free-TV-Programmanbieter Europas, und eine der gewieftesten Medienfrauen weit und breit, nahm der schon aus den Vorjahren bekannte Disput um die Legitimität von Werbeeinahmen der Öffentlich-Rechtlichen und um deren Anspruch auf umfangreiche Präsenz im Internet seinen Lauf. Piel sieht in einer Werbefreiheit der öffentlich-rechtlichen TV-Programme kein Problem, sofern die wegfallenden Werbeeinnahmen durch höhere Gebühreneinnahmen ersetzt würden. Schäferkordt begrüßte die Forderung nach Werbefreiheit, denn das sorge beim dualen Rundfunksystem für mehr Trennschärfe. Zudem könne es das derzeit gegebene "massive Quotendenken" der ÖRs beim Vorabendprogramm deutlich einschränken. Was Piel damit konterte, dass sich ihr Sender auch ohne Werbung für massenattraktive Programme einsetzen werde.

Der andere Blickwinkel

Einen besonderen Akzent zum Ende der ersten großen Diskussionsrunde des Kongresses sowie auch bei weiteren Veranstaltungen setzte Esra‘a Al Shafei. Die 25-jährige Muslima aus Bahrain gehört zu den aktivsten Bürgerrechtlerinnen der arabischen Welt. Sie bloggt für Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Und – im Gegensatz zu der „getürkten Bloggerin“ Amina Abdallah Arraf, hinter deren Namen sich ein in Schottland lebender Amerikaner verbarg – gibt es sie wirklich. Was sie durch ihre Anwesenheit mehrfach bewies. Allerdings ist auch ihr  Name ein Pseudonym, und jeder ihrer Auftritte ist immer mit der dringenden Bitte verbunden, keine Fotos oder Zeichnungen von ihr zu machen und zu veröffentlichen. Nur in einer weitgehenden "Unsichtbarkeit" ist es ihr möglich, in ihrem kleinen Heimatland unbehelligt zu bleiben. Angeblich wissen selbst ihre Eltern nur, dass sie mit Computern arbeitet, aber nichts von ihrem bürgerrechtlichen Engagement.

 

Und das will was heißen. Denn immerhin ist Esra'a Al Shafei Gründerin und Leiterin der Internetplattform http://www.MideastYouth.com, einem Netzwerk vornehmlich junger Menschen, die sich für Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt im Nahen Osten und Nordafrika einsetzt. Sie hat bereits mehrere Kampagnen für die Rechte von religiösen, kulturellen und ethnischen Minderheiten geleitet und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem mit dem Berkman Award des Harvard University's Berkman Center. Zu ihren jüngsten Projekten gehört die Internetpräsenz http://www.crowdvoice.org, eine Plattform, auf der die Nutzer Videos mit deutlich „hörbaren“ Protesten aus allen Teilen Welt, besonders aber aus dem Nahen Osten einstellen und zusammentragen können. Und auch http://www.ahwaa.org, eine Internetadresse vorrangig für Homosexuelle aus dem arabischen Raum, wo das Thema Homosexualität offiziell geächtet ist, geht auf ihre Initiative zurück. Diese Internetplattform, auf der sich Schwule und Lesben aus dem Mittleren Osten austauschen, sei das Gefährlichste, was zurzeit unter dem Label „Mideastyouth“ laufe, glaubt Al Shafei. „Wenn ich ins Gefängnis muss, dann sicherlich dafür.“

Immer wieder bekräftigte sie, dass die aktuellen revolutionären Bewegungen im Nahen Osten und Nordafrika ohne die digitalen Kommunikationswege so nicht möglich wären. Weshalb das Schlagwort von der „Online-Revolution“ im wohl verstandenen Sinn durchaus gerechtfertigt sei. Klar, dass ihr die europäischen Medienprobleme, die beim Medienforum.NRW auch immer wieder zur Sprache kamen, dagegen geringfügig erscheinen. Schließlich muss die 25-Jährige aufgrund ihrer Arbeit ständig mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Dieses Risiko nimmt sie jedoch auf sich aufgrund der enormen Bedeutung, die (nicht nur) sie einem zeitgemäßen Medienangebot für die Jugend in ihrem Land (Bahrain) und den anderen Nahoststaaten zumisst. Es ist ein  unverzichtbares Element des Widerstandes. „Ein 18- oder 20-Jähriger macht sich nicht die Mühe, große PDF-Dateien zu lesen“, so Esra‘a Al Shafei, „er möchte einen YouTube-Clip sehen und Teil eines Lebensstils sein“.

Stärker als erwartet

Ach, ja, und dann war da auch noch Margot Käßmann, neuerdings Professorin für Sozialethik und Ökumene an der Ruhr-Universität Bochum. Ein scheinbar unvermeidlicher Auftritt, da die Theologin seit ihrer alkoholisierten Autotour medial nahezu omnipräsent ist. Und sich auch zu nahezu jeder Thematik äußert.  Dementsprechend skeptisch sahen manche Kongressbesucher ihrem Beitrag im Rahmen der Veranstaltung "Local Hero, Global Player: Die Rolle der Zeitung" entgegen. 

 

Doch - Skeptiker und Lästermäuler mussten zurückstecken. Frau Käßmann hatte zum Thema Medien tatsächlich etwas zu sagen, was mehr war als die ihr vielfach  vorgeworfene "Eiapopeija-Prosa" (Denis Schek). Auch wenn nicht allen alles zustimmungsfähig erschien, so erschöpften sich ihre Ausführungen jedoch nicht im Pauschalen (etwa: Nichts ist gut in Afghanistan.) oder im  blumig Allgemeinen (etwa: Wir müssen mehr Phantasie wagen. oder Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann.). Sie wurde durchaus konkret.

 

„Die Zeitung ist für mich ein Ort der Entschleunigung“, bekannte sie und führte ein  geradezu leidenschaftliches Plädoyer für die regionale Tageszeitung, zeigte sich aber zugleich um deren Zukunft besorgt. Anders als das Internet, so Käßmann, beschere die Zeitung dem Leser Informationen, die er nicht gezielt abgerufen habe. "Sie überrascht mich und erweitert meinen Horizont.“ Darüber hinaus sei die Zeitung auch ein Gemeinschaft stiftendes Medium, da sich Menschen, so wie beispielsweise sie mit ihren Töchtern, nach der Lektüre über die diversen Artikel austauschen könnten. Das allerdings, sei hier eingewandt, funktioniert grundsätzlich auch bei anderen Medien.

 

Zu Recht verwies sie auf ein schizophren anmutendes Verhalten in unserer Gesellschaft, nämlich die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche im Fernsehen mit Situationen und Fakten konfrontiert werden, vor deren weit weniger dramatischen Form Erwachsene sie im realen Leben oftmals geradezu hermetisch abschirmten. So dürfen sogar kleinere Kinder täglich Mord und Totschlag in Fernsehen betrachten, würden aber andererseits nicht auf Beerdigungen mitgenommen, "um sie nicht zu traumatisieren". Eine wichtige Aufgabe der Medien sieht sie darin, auch über gelingendes Leben zu berichten - neben all den Krisen und Kriegen, über die notgedrungen informiert werden muss. Dies um so mehr, als Eltern selbst das ihren Kindern oft nicht mehr vermitteln können. Eine Aufgabe also, die auf die öffentlich-rechtlichen Einrichtungen im Rahmen ihres Bildungsauftrages immer mehr zuzukommen scheint. Dass sie auch auf ihre (für sie unangenehmen) Erfahrungen mit den Medien einging, als sie Anfang 2010 nach ihrer Alkoholfahrt von ihren Ämtern zurückgetreten ist - geschenkt. Immerhin bot das der Theologin den sehr realen Anlass, die Respektierung und Verteidigung der Menschenrechte seitens der Medien zu fordern. Diese würden im Kampf um Aktualität und Exklusivität von Schlagzeilen bisweilen deutlich missachtet.

 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul