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Habermas und die Religion
 


Warum ein Glaube ohne Transzendenz seine Substanz verliert

 

Von Christa Tamara Kaul   -  November 2025
 


In einer Zeit, in der Religion – zumindest im westlichen Kulturkreis – zunehmend als privates Relikt vergangener Epochen gilt, überrascht es viele, wenn einer der bedeutendsten Philosophen und Soziologen der Gegenwart ihre öffentliche Bedeutung betont. Jürgen Habermas, der lange als säkularer Vordenker galt, hat in seinem Spätwerk (u.a. „Auch eine Geschichte der Philosophie“, 2019) eine bemerkenswerte Weitung seiner Weltsicht, wenn nicht gar ein gewisse Wende vollzogen. Ende 2025 nun warnte der Philosoph in einem „Geburtstagsgruß“ für den Frankfurter Religionsphilosophen Thomas Schmidt die Kirche(n) vor der Aufgabe des Transzendenzglaubens – und fordert ein neues Miteinander von Glauben und Vernunft.

Jürgen Habermas, Jahrgang 1929, prägt seit Jahrzehnten die politische Philosophie (nicht nur) Deutschlands. Seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ setzte auf die Kraft rationaler Argumentation in einer säkularisierten Öffentlichkeit. Religion spielte darin kaum eine Rolle. Sie erschien als Auslaufmodell der Moderne, das mit dem Fortschritt der Vernunft allmählich verblasst. Doch seit den 1990er Jahren und besonders seit seiner Friedenspreisrede 2001 und seiner Diskussion mit Joseph Ratzinger im Jahr 2004 spricht Habermas zunehmend anders. Hier und dann vor allem auch 2005 in seinen Aufsätzen zum Thema „Zwischen Naturalismus und Religion“ erkennt er an, dass Religion auch in modernen Gesellschaften eine bleibende Bedeutung hat. Er spricht dabei von einer „postsäkularen Gesellschaft“, in der säkulare und religiöse Bürgerinnen und Bürger wechselseitig voneinander lernen müssten. Religion bleibe auch in liberalen Demokratien ein beständiger Faktor. Dabei geht es aber nicht um eine Rückkehr zu vergangenen religiösen Strukturen, sondern um die Anerkennung, dass religiöse Traditionen normative Ressourcen enthalten, die für moderne Gesellschaften weiterhin bedeutsam sind.

Das gilt auch und vor allem deshalb, weil Begriffe wie Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit historisch eng mit christlichen Denkfiguren verbunden sind. Diese „semantischen Potenziale“ ließen sich, so Habermas, nicht beliebig durch säkulare Argumente ersetzen. Noch einmal verstärkt legte er seine diesbezüglichen Überlegungen 2025 in dem „Geburtstagsgruß“ anlässlich der Festschrift für seinen ehemaligen Schüler, den Frankfurter Religionsphilosophen Thomas Schmidt dar („Den Diskurs bestreiten - Religion im Spannungsfeld zwischen Erfahrung und Begriff“).

Ausgangspunkt für Habermas’ Einwand ist Schmidts skeptische Diagnose zur Gegenwart des Christentums. Schmidt bezweifelt, dass die Kirchen noch eine lebendige geistige Kraft darstellen, die gesellschaftliche Integration fördern kann. Besonders problematisch erscheint ihm die Diskrepanz zwischen der digitalisierten Wissenskultur und der weiterhin stark text- und ritualgebundenen kirchlichen Praxis. Die traditionelle religiöse Form könne die veränderte Art, wie Menschen heute lernen und Wissen aufnehmen, kaum noch produktiv verarbeiten. Er erwartet daher nicht nur einen weiteren Rückgang kirchlicher Bindungen, sondern eine tiefgreifende Transformation des Religiösen selbst. Künftige Spiritualität werde sich vom dogmatischen Kern monotheistischer Erlösungsreligionen lösen müssen, so Schmidt. Insbesondere sollten Jenseitsvorstellungen und das göttliche Heilsversprechen aufgegeben werden, um nicht in eine selbstbezogene, narzisstische Spiritualität („Selbstsakralisierung“) abzugleiten. Stattdessen schlägt Schmidt eine Form religiöser Praxis vor, die ganz im menschlichen, also irdischen Erfahrungsraum bleibt und sich auf Hoffnung und Liebe als existenzielle Kräfte stützt.

Hoffnung wird in dieser Weltsicht zur vorrangigen Kategorie, aus der eine neue Art von „Glauben“ hervorgeht. Doch während es das Wesen der ursprünglichen christlichen Hoffnung ausmacht, „dass wir nicht auf uns selbst, sondern auf Gott vertrauen“ (Georg Bätzing), ist die von Schmidt empfohlene Hoffnung kein zielgerichtetes Erwarten mehr (z. B. der Auferstehung von den Toten), sondern eine offene, ekstatische Haltung gegenüber Möglichkeiten des Lebens. Religion entsteht somit nicht mehr aus einem bestimmten Glaubensinhalt, sondern aus der existenziellen Kraft des Hoffens als Wert an sich. Genau hier sieht Habermas jedoch ein entscheidendes Problem.

„Ein Glaube, der der Hoffnung entspringt, kann seinerseits nicht länger den Gegenstand der Hoffnung bestimmen.“ Denn „indem die derart erneuerte ‚Religion’ nun von Hoffnung ausgeht, … muss diese allerdings ihren bestimmten Inhalt oder Gegenstand verlieren; denn den hatte sie ja in der traditionellen Lehre dem Glauben an den befreienden Erlöser verdankt.“ Das heißt, eine Hoffnung ohne ursprünglich inhaltlichen Bezug verliert ihren eigentlich genuin religiösen Charakter.

Damit verneint Habermas ganz klar die Frage, ob eine Religion ohne Transzendenz dauerhaft bestehen kann. Und warnt nachdrücklich davor, den Glauben an eine Transzendenz aufzugeben. „Die christliche Hoffnung richtet sich unter anderem auf die Auferstehung von den Toten und eine Erlösung von allen Übeln dieser Welt und ist ihrerseits abhängig vom Glauben an die Verheißung Gottes.“ Wenn Religion jedoch nur noch als moralischer Lieferant oder kulturelle Kulisse fungiere, verliere sie ihre Substanz. Wer christliche Botschaften allein auf Schlagworte wie „Solidarität“ oder „Nächstenliebe“ reduziere, ohne ihren theologischen Gehalt ernst zu nehmen, betreibe die Zerstörung des Glaubenskerns. Zudem werde eine Religion, bei der es „nicht mehr auf die Glückseligkeit einer alles Innerweltliche transzendierenden Erfüllung“ ankomme, im öffentlichen Diskurs kaum noch eine eigenständige Stimme behalten, die über die von Wohltätigkeitsorganisationen hinausgehe.

So sieht also Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, den transzendenten Kern des christlichen Glaubens als unerlässlich für dessen bleibende Existenz. Als wichtig für die postsäkulare Gesellschaft erachtet er ein wechselseitiges Lernen von Philosophie und Theologie als demokratisches Prinzip, warnt aber vor deren Vermischung. Erst ihre Unterscheidung macht Philosophie und Theologie überhaupt dialogfähig.

Dabei ist Habermas’ Warnung vor einem Verlust des Transzendenzgedankens keineswegs ein Ruf nach religiöser Dominanz. Es ist vielmehr ein philosophisches Plädoyer dafür, Religion nicht auf moralische Floskeln zu reduzieren, sondern ihren Eigengehalt ernst zu nehmen. Nur so kann sie im Zusammenspiel mit säkularer Vernunft ihre gesellschaftliche Bedeutung entfalten. Denn immerhin leben moderne Demokratien nicht nur von – den unbedingt wichtigen – Institutionen, sondern eben auch von den Quellen, aus denen wesentliche ihrer Werte stammen.

Sich dieser Quellen bewusst zu sein und auch immer wieder an diese zu erinnern, ist unerlässlich. So verdient Habermas’ Plädoyer unbedingte Zustimmung. Allerdings sollte und darf diese grundsätzliche Wertschätzung überlieferter religiöser Inhalte und die Anerkennung ihres Einflusses auf das demokratische Gesellschaftssystem des westlichen Kulturkreises die Kirche(n) nicht davon abhalten, nach einer zeitgemäßen Interpretation des – weitgehend noch immer alttestamentarischen – Gottesbildes zu suchen. Was mit einer „Detranszendierung“, also Verweltlichung des Glaubens nichts zu tun hat.

 

 

Links zum Thema

 

Den Diskurs bestreiten

https://tinyurl.com/5n8bncpk

 

Ein Geburtstagsgruß 

https://tinyurl.com/49zzd3d6

 

Goethe Universität Frankfurt am Main, Religionsphilosophie

https://tinyurl.com/yc42xykz

 

Zeitzeichen - Evangelische Kommentare

https://tinyurl.com/5envauay

 

Bischof Georg Bätzing: Wer von der Hoffnung lebt ...
https://tinyurl.com/49n33fm6

 

 

 

 

© Christa Tamara Kaul