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 Roger Willemsen: Deutschlandreise
Eichborn Verlag, 2002,  gebunden, ISBN:

 3-8218-0718-0 

 

 

 

 

 

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Facetten einer Entdeckungstour

 

Roger Willemsen:  Deutschlandreise

 

Von Christa Tamara Kaul

 

Glanzlichter und Irritationen, Ermutigendes und Enttäuschendes, Fades: das Land bietet von allem etwas, und Roger Willemsen scheint bisweilen so seine Schwierigkeiten im Umgang damit gehabt zu haben. Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Eindrücke dieser Reise anzunehmen und zu verarbeiten.

 

Wochenlang war er im Sommer 2001 und im Frühjahr 2002 durch Deutschland gereist. In seinem Buch "Deutschlandreise" berichtet er von dieser Entdeckungsfahrt der etwas anderen Art. Vom Kap Arkona bis nach Konstanz, von Bonn nach Berlin, von Oberstdorf nach Rostock führten ihn seine Beobachtungen, Begegnungen und Erfahrungen. Heraus kam ein facettenreiches Deutschlandbild. Ob an den Graffiti in der Rostocker Uni, bei Schachspielern an der Brücke von Remagen, auf dem Parkplatz am Kreidefelsen von Rügen, bei einer Abitursfeier in Bonn oder im Umkleideraum eines Supermarkts in Mönchengladbach - Willemsen war nicht den großen politischen Fragen oder gesellschaftlichen Sensationen auf der Spur, auch suchte er keine rührenden persönlichen Geschichten. Vielmehr versuchte er etwas einzufangen und festzuhalten, das meist unbeachtet bleibt, das sich oft auch hinter den abstrusesten Fassaden tarnt: die Normalität des Alltags.


Mit der hartnäckigen Neugier und dem Blick des Forschers registrierte er, was dieses Land ihm darbot - an Leben, an Städten, an Redensarten, Gewohnheiten, Werbesprüchen, an zu persönlichem Schicksal geronnener Geschichte, an Vergeblichkeiten und kleinen Triumphen. Aus der Summe all dieser Einzelteile setzte Roger Willemsen etwas zusammen, das einem "mentalen Polaroidbild einer ganzen Nation" gleicht, allerdings aus sehr persönlicher Perspektive aufgenommen. 

 

Schade, dass bei diesem aufschlussreichen Bericht das eine oder andere Mal ein wenig nachlässig mit der deutschen Sprache umgegangen wurde, und zwar nicht etwa bei irgendwelchen Zitaten von Gehörtem, sondern bei der ganz alltäglichen Wortwahl des Berichterstatters: etwa gleich am Anfang die Verwechslung von "dieselben" und "die gleichen".

 

Ausführliche Rezension auf Anfrage!

 

 

Textauszug: Er lügt wie ein Augenzeuge. (Russisches Sprichwort)

Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland. Oder besser zu den so genannten "Menschen  draußen im Lande". Aber wo ist das?

Deutschland ist irgendwo oder nirgendwo oder überall: Dieselben Glasbausteine in der Fassade, dieselben gestuft angebrachten Hausnummern, dieselben Garagen und vor den Garagen dieselben Ehefrauen, die ratlos in der Einfahrt stehen und zusehen, wie ihr Mann nach Hause kommt, und nebenan kommt der Nachbar in sein Haus, und die Frauen stehen und fragen sich; Warum kommt dieser in mein Haus zu mir und jener in ihr Haus zu ihr? lauter Andere und Gleiche, alles anders und gleich, die Sorge, die Liebe, die Einzelhaft.

In Deutschland nach Deutschland zu reisen, das ist die Exkursion zu einer Fata Morgana. Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg. Ein Weiler unter der Hügellinie, drei rote Dächer und eine Birke, ein Windstoß in den Sträuchern und eine Frau, die zum Wäscheaufhängen unter die Bäume tritt. Gute Menschen, die Milch aus zottigen Viechern melken und vor dem Essen beten. Das unausrottbar Schöne, doch, das gibt es, aber man darf ihm nicht zu nahe kommen.

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Der Zug hält vor der Einfahrt in den Bahnhof. Nach zehn Minuten folgt die Durchsage: "Durch einen Unfall mit Personenschaden wird sich die Abfahrt des Zuges um einige Minuten verzögern".

"Unfall mit Personenschaden", der neueste Euphemismus für "Selbstmord". Man sagt nicht "vom Zug überfahren", auch nicht "hauchte sein Leben aus" ... Die Nonnesammlerin zuckt die Achseln, das Kind beendet eine Reihe Zugvögel. 

Die Abteiltüren stehen jetzt überall offen. Auf den Gängen tauscht man sich aus. Die Pendler haben das am häufigsten erlebt, nennen Statistiken und kommentieren: "Das kommt dauernd vor", "Das passiert mir in dieser Woche schon zum dritten Mal", Das ist auch keine Zustand"", "Das dauert in der Regel nicht lange", "Was das kostet", "Der arme Zugführer", "Der kann auf Schmerzengeld klagen, da können die Angehörigen blechen, wegen dem Schock."

Am häufigsten hat all das der Zugschaffner erlebt. Er bekommt nie Schmerzengeld und ist auch nicht schockiert. Jetzt steckt er den Kopf  ins offene Abteil und sagt: "Jetzt können Sie den Anschlusszug nach Hannover vergessen, so viel ist sicher."

 

Autorenportrait: Roger Willemsen, geboren 1955, beendete sein Studium mit einer Promotion über die Ästhetik Robert Musils. Nach Tätigkeiten als Übersetzer und Korrespondent hatte er 1991 seine erste eigene Fernsehsendung bei 'Premiere', der sich 'Willemsens Woche', 'Nachtkultur mit Willemsen' und 'Willemsens Musikszene' anschlossen. Außerdem veröffentlichte er mehrere Bücher, drehte und produzierte zahlreiche Filme und zeichnete verantwortlich für das EXPO-Projekt "Welcome home. Künstler sehen Deutschland".   >> zurück zum Anfang

 

 

Roger Willemsen: Deutschlandreise
Eichborn Verlag, 2002,  gebunden, ISBN: 3-8218-0718-0

 

www.eichborn.de

 

 

 

 

 

© Christa Tamara Kaul