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Urs Widmer

Das Buch des Vaters

Roman, 2004

Leinen, 224 Seiten

Diogenes Verlag AG Zürich
ISBN 3-257-06387-3

Diogenes-Verlag

 

 

  

 

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Urs Widmer: Das Buch des Vaters

 

Bibelfester Atheist hinter Mauern aus Büchern

 

Von Christa Tamara Kaul

 

Das Buch des Vaters - die Aufzeichnung eines Lebens. In ihm hat Karl, der Vater, der Mann der schönen Clara Molinari, niedergeschrieben, was er erlebt und gedacht hat und wie er empfand, was er erlebt hat. Ob ein solches Buch allen Kindern  zu wünschen ist? Damit sie später einmal, nach dem Tod der Eltern, wenn sie es lesen dürfen, mehr über ihre Eltern und damit über sich selbst erfahren? 

 

In dem Schweizer Dorf, aus dem der Vater stammt,  gehörte es seit Jahrhunderten zur Tradition, dass jedes Kind bereits bei seiner  Geburt einen Sarg erhält, der dann bis zum Tod  vor seinem Haus stehen wird, und an seinem zwölften Geburtstag, an dem es mit einer Initiationsfeier als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen wird, ein  Lebensbuch überreicht bekommt, einen in schwarzes Leder gebundenen Band voll leerer weißer Seiten mit Goldschnitt.  Ab diesem Geburtstag  gilt es, ein Leben lang das Wichtige eines jeden Tages zu notieren.

 

Also schreibt der Vater von seinem zwölften Geburtstag an Abend für Abend, gewissenhaft, mit winzig kleinen Buchstaben, bis zu seinem letzten Lebenstag. Doch als er gestorben ist, hat die Mutter, Clara Molinari, nichts Eiligeres zu tun, als seine Sachen so schnell wie möglich wegzuschaffen, und damit landet auch des Vaters Lebensbuch unwiederbringlich auf dem Müll. 

 

Daher entschließt sich der Sohn, das Leben des Vaters  noch einmal nachzuschreiben, und er erzählt über des Vaters Kindheit  und Jugend in der bodenständigen Geborgenheit des Schweizer Kleinbürgertums, über seine erste Bekanntschaft mit kommunistischem Ideengut und nationalsozialistischer Gesinnung, wie er sich einer Gruppe kommunistischer Intellektueller und Künstler anschließt, in verräucherten Gaststuben bis in die Nächte hinein heiß diskutiert, wie er schließlich, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, tatsächlich Mitglied der Partei wird und dann, angesichts von Stalins Terror, schon bald nach dem Krieg wieder austritt. 

 

Wir  werden Zeugen eines gleichermaßen unspektakulären wie ungewöhnlichen Lebens, das zum Anfang des letzten Jahrhunderts begann und durch alle Wirren bis weit in dessen zweite Hälfte währt. Wir lesen von großen Visionen und Plänen, von Irrungen und Enttäuschungen und den trotz aller Rückschläge weiterlebenden Hoffnungen des 20. Jahrhunderts. 

 

Vor allem aber werden wir Zeugen von Karls Liebe zu Büchern, einer Liebe, die schon  Besessenheit ist und die seine andere große Liebe, die zu Clara, seiner Frau, der "einen und einzigen" für ihn, in ihrer Rigorosität übertrifft. Auch als später sein Sohn auf die Welt kommt, reicht seine zärtliche Zuneigung zu ihm doch nie wirklich an dieses allumfassende Interesse heran, das er der  Literatur entgegen bringt. 

 

Begonnen hat sein leidenschaftliches Verhältnis zur literarischen Welt mit dem Studium der Romanistik. Vor allem die mittelalterlichen Erzählungen von sinnesfrohen Mönchen und Nonnen  ergötzten ihn zu jener Zeit mit ihrer prallen Erotik. Doch diese Sinneslust genoss er vornehmlich in den Büchern, weniger im täglichen Leben, wo er sich zwar nicht uninteressiert, doch ziemlich naiv dem anderen Geschlecht zuwandte. Einen unerreichbaren Vorteil besaßen für ihn die Bücher dem Leben gegenüber immer: Er konnte sie jederzeit zumachen, "wenn ihm das Leben in ihnen zuviel wurde." Ein Vorteil, den er sein Leben lang schätzt.

 

Mehr noch, seine Sammelleidenschaft lässt die Bücher langsam zu Mauern um ihn herum anwachsen, hinter denen er das Geschehen außerhalb nur bedingt wahrnimmt. Nicht dass er lebensuntüchtig oder  ungesellig wäre. Er reüssiert in mehreren Berufen, er geht oft mit Freunden aus und führt nach der Heirat mit Clara mit ihrer Hilfe ein offenes, gastfreundliches Haus, in dem man oppulent zu feiern versteht. Auch seine lustvolle und zärtliche Liebe zu Clara ist ihm kostbar und übersteht die Zeit, und dennoch kommt ihm der Realitätssinn zunehmend abhanden. Vor allem fehlt ihm ganz offenbar eine wirklich innere Beziehung zu seiner Frau. Denn nie erschließt sich ihm ihr tragisches Geheimnis, ihre ebenso hoffnungslose wie unauslöschliche Liebe und Leidenschaft zu Edwin Schimmel, dem großen Musiker, für den er letztendlich nur der "Ersatzmann" ist. 

 

Und da der Vater dieses Geheimnis nie ergründet hat, erfahren wir es auch nicht aus dem Buch des Vaters. Doch es gibt noch ein Buch der Mutter mit dem Titel "Der Geliebte der Mutter", in dem der Sohn deren Leben erzählt. In dieser Erzählung, also im Bewusstsein der Mutter, kommt der Vater nur als Randfigur vor.  

 

Dieses Buch-Paar zeigt auf das Feinsinnigste die Geschichte eines Menschenpaares auf eine Art, wie sie bisher in der Literatur noch nicht vorkam. Jedes der beiden Bücher steht in vollkommener Autonomie für sich selbst und ist auch allein sowohl geistiges wie sinnliches Lesevergnügen. Doch zusammen sind sie ein ein in dieser Form neuartiges Meisterwerk psychologischer Beobachtung und sprachlicher Darstellung. Wobei die Sprache mit ruhiger Zurückhaltung, unspektakulärem Witz und kühler  Ironie, aber nie mit Häme einen unübertrefflich effektvollen Konterpart zu dem teilweise dramatischen Geschehen bietet. Eine unsentimentale Liebeserklärung an die Eltern und eine literarische Glanzleistung.

 

Textauszug: Mit Kommunisten kam mein Vater erst in den dreißiger Jahren zusammen. Er war nun auch um die Dreißig und ein junger Intellektueller geworden. Er sah auch so aus; Brille, beginnende Glatze, Zigarette im Mundwinkel. Er rauchte immer, auch wenn er sprach, las oder aß, und seine neuen Freunde, die Kommunisten, fragten ihn, wie er denn schlafe oder küsse. Kein Problem, antwortete mein Vater. Er küsse wenig, und er schlafe noch weniger. Die Freunde rauchten auch, und sie tranken, anders als mein Vater, gern und viel. Sie waren alle Maler - ein einziger von ihnen war ein Architekt.

.............

Er war jetzt Lehrer an einem just neu gegründeten Gymnasium, das auf das Altgriechische verzichtete, auch das Latein nicht so intensiv pflegte, wie das das Humanistische Gymnasium tat. Er unterrichtete Französisch, hie und da auch Deutsch. (Gleich zu Beginn wollte ihm der Direktor der Schule auch je zwei Wochenstunden Religion und Turnen andrehen. Aber der Vater, ein Atheist mit einer Kindheit, die ihn bibelfest gemacht hatte, beantwortete jedes Argument des Rektors mit einem Bibelwort, bis dieser aufgab und ihn vom Religionsunterricht entband. Blieb das Turnen. Er gab zwei Lektionen, aber als er die ersten Schwimmstunden mit Mantel und Hut erteilte - er konnte nicht schwimmen -, wurde er auch vom Turnen entlastet.)

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Autorenportrait:  Urs Widmer wurde am 21.5.1938 in Basel geboren. Seine bildungsbürgerliche Familie und ein literarisch geprägtes Umfeld  beeinflussten ganz sicher sein schriftstellerisches Talent: Der Vater war der Gymnasiallehrer, Literaturkritiker und Übersetzer Walter Widmer, der seinem Sohn die »Liebe zu den Wörtern ohne Niveau, den sogenannt unanständigen Wörtern«, weitervererbt hat. Urs Widmers Deutschlehrer im Realgymnasium war der Schriftsteller Rudolf Graber. Heinrich Böll war gern- und oft gesehener Gast im Hause


An der Universität Basel studierte er Germanistik, Romanistik und Geschichte. Daran schlossen sich  zwei Jahre an den Universitäten von Montpellier und  Paris an, und schließlich schrieb der seine Doktorarbeit über die deutsche Nachkriegsliteratur. Urs Widmer arbeitete zunächst als Lektor beim Walter Verlag in Olten, bevor es ihn  1967 nach Frankfurt am Main zog, wo er Lektor im Suhrkamp Verlag wurde. Ob ihn wirklich die Enge der Schweiz veranlasste, in die ›große Welt‹ zu gehen, oder ob der Zufall vor jeder Absicht stand: beide Ansichten vertrat Urs Widmer in Interviews, und beide schließen einander nicht aus. Frankfurt gefiel ihm, er blieb 17 Jahre lang dort, im Suhrkamp Verlag blieb er allerdings nur bis 1968. Mit anderen Lektoren rief er den ›Verlag der Autoren‹ ins Leben. Kurz nach der Gründung wurde er mit seinem Erstling ›Alois‹ selber zum Autor, zu einem, dem es nicht genügt, »wenn Literatur nur den Ist-Zustand schildert. Sie muss auch utopische Qualitäten haben. Man muss daran erinnern, dass die Welt einmal schön war.« 

 

Widmers Liste der Auszeichnungen ist mittlerweile lang: 1974 erhielt er den  Karl-Sczuka-Preis des Südwestfunks Baden-Baden, 1976 den Hörspielpreis der Kriegsblinden für ›Fernsehabend‹, 1985 den Preis der Schweizer Schillerstiftung für sein Gesamtwerk. und 1989 den Basler Literaturpreis für sein Gesamtwerk. 1989 folgte die Ehrengabe des Kantons Zürich für ›Der Kongreß der Paläolepidopterologen‹ und 1992 der Preis des Südwestfunk-Literaturmagazins für die Erzählung ›Der blaue Siphon‹. 1994 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, und 1995 verlieh die Stadt Zürich den Kunstpreis für Literatur für sein Gesamtwerk. Doch damit nicht genug, es folgten 1997: Kunstpreis der Gemeinde Zollikon für sein Gesamtwerk, 1997: 3sat-Innovationspreis für das Theaterstück ›Top Dogs‹, 1997: Mülheimer Dramatikerpreis für ›Top Dogs‹.  1997 kürte ihn die Zeitschrift ›Theater heute‹ für ›Top Dogs‹ zum Autor des Jahres. 1998: Heimito von Doderer Literaturpreis für sein Gesamtwerk. 1999: Aufnahme in die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. 1999: Kulturpreis der Gemeinde Riehen für sein Gesamtwerk.
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Urs Widmer: Das Buch des Vaters.

Roman, 2004, Leinen, 224 S.

Diogenes Verlag AG, Zürich
ISBN 3-257-06387-3
Diogenes-Verlag

 

 

                                      

© Christa Tamara Kaul