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transcript Verlag

 

Bielefeld 2019, 282 S., br.,

 

19,99 €
 

 

 

Die Gesellschaft des Zorns


Rechtspopulismus im globalen Zeitalter


Christa Tamara Kaul   -    Juni 2019

 

Zorn, Wut, Hass – sie haben Hochkonjunktur in unserer Gesellschaft. Und sie sind ein ergiebiger Nährboden für den Rechtspopulismus. Was befördert in Deutschland – und noch stärker in anderen Ländern – die Neubelebung längst überwunden geglaubter Nationalismen? In ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ seziert die Soziologin Cornelia Koppetsch diese Entwicklung und bietet überzeugende Erklärungen.

Das Perfide am Rechtspopulismus: Er verfügt über ein doppelt gefährliches Spaltpotential. Zum einen und vor allem erweist er sich als Gefahr für die Demokratie, die in ihrer heutigen Form von demonstrierenden Wutbürgern bis hin zu Terroristen als unfähig abgelehnt oder sogar bekämpft wird. Zum anderen wird der Begriff bisweilen aber auch missbraucht, um Menschen mit unliebsamen Meinungen „in die rechte Ecke“ zu stellen, sie also möglichst mundtot zu machen.

Auch wenn vor einiger Zeit der ehemalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache aufgrund von Korruptionsvorwürfen zurücktreten musste, so heißt das nicht, dass Strache wegen seiner latent demokratiefeindlichen Einstellung gehen musste – die war auch vorher schon bekannt. Er musste gehen, weil er sich bei deren Umsetzung in die Tat dumm angestellt hatte. Nicht viel anders läuft es in Großbritannien, Frankreich oder Italien und erst recht nicht in Ungarn und Polen, wo der Rechtspopulismus fröhliche Urständ feiert. Und in Deutschland? Bei der Afd ist gemäß den Umfragen kein Schrumpfprozess in Sicht. Im Gegenteil. Es kommen sogar zunehmend Fälle von rechtsextremen Terrorismus ans Licht, wie etwa der Fall des erschossenen CDU-Politikers Walter Lübcke zeigt. Und warum das alles?

Rechts- wie Linkspopulismus basieren immer auf einer Protesthaltung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Damit daraus tatsächlich bedeutende gesellschafts- und staatsrelevante Protestbewegungen entstehen, müssen – wie Koppetsch direkt zu Beginn ihrer Untersuchung darlegt – drei Faktoren zusammenkommen: Erstens eine strukturelle Deklassierung wesentlicher Teile der Bevölkerung; zweitens eine Legitimationskrise der bestehenden Ordnung (im hier untersuchten aktuellen Fall die Krise des progressiven ›Neoliberalismus‹); und drittens strukturbedrohliche Krisenereignisse, wie in der jüngeren Vergangenheit etwa die Finanzkrise, die Bedrohung durch Terror, verschiedene Kriege und für manche Bevölkerungsgruppen eben auch die massenhafte Zuwanderung aus dem globalen Süden.

Wenn unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sich dann aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher sozialen Benachteiligungen oder Kränkungserfahrungen zusammenschließen, können sie sich Geltung weit über den eigenen Statusverlust hinaus verschaffen und den Kampf für das Eigene zum Kampf für die Allgemeinheit überhöhen. So gewinnt der politische Protest sozial deklassierter oder an den Rand gedrängter Gruppen allein durch das Zusammenwirken Gewicht und eine allgemeine Legitimationsgrundlage.

Nun haben wir in Deutschland beim Populismus von Links durch die 1968-Bewegung und die in den 1970er und 1980er Jahren folgenden Friedens- und Frauenbewegungen sowie den RAF-Terrorismus bereits Erfahrungen gesammelt. Doch unterschieden sich diese Strömungen vom aktuellen Rechtspopulismus dadurch, dass sie vorrangig von sozial aufsteigenden Gruppen geprägt waren, etwa von jungen Erwachsenen, Frauen und Homosexuellen. Die strebten einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel an von Ordnungswerten hin zu Toleranzwerten, von Fragen der Ein- und Unterordnung hin zu Fragen individueller Selbstentfaltung und politischer Partizipation. Das heißt, die Blick- und Zielrichtung wiesen in eine neu zu gestaltende Zukunft.

Anders die Anhänger rechter Bewegungen heute, deren Gruppierungen quasi Nostalgieparteien sind. Sie rekrutieren sich überwiegend aus finanziell keineswegs schlecht gestellten Gruppen, die jedoch den sozialen Abstieg befürchten und deren Blick rückwärts in eine vermeintlich bessere Vergangenheit und zudem nach unten gerichtet ist, hin zu den aufholenden Neuankömmlingen, deren tatsächliche oder vermeintliche Konkurrenz als illegitim empfunden wird. Sie versuchen nicht, etwas zu gewinnen, sondern etwas zu verteidigen, haben Angst, etwas zu verlieren. Dennoch: Für das Aufkeimen des Rechtspopulismus und einer erneuten Politisierung und Polarisierung der Gesellschaft nach jahrzehntelanger „Konsenskultur“ reichen nach Koppetschs Ansicht weder die Flüchtlingsströme noch die tatsächlichen oder vermeintlichen Persönlichkeitsdefizite der Protestierenden und auch nicht die wachsende Kluft zwischen armen Verlierern und reichen Gewinnern der Globalisierung als Erklärungen aus.

Es ist die Globalisierung selbst in ihrer ganzen Komplexität als unbewältigter weltweiter Epochenumbruch, in dem Cornelia Koppetsch die Ursache sieht. Dieser Umbruch hat wirtschaftliche, politische oder kulturelle Grenzöffnungen und Grenzüberschreitungen herbeigeführt. Seit dem Fall der Mauer bestimmen nicht mehr zwei ideologisch verfeindete Blöcke das Weltgeschehen, sondern grenzenlos operierende Großunternehmen. Durch diese haben Nationalstaaten einen mehr oder minder großen Teil ihrer Souveränität verloren, weil sie das weltweite Geschäft nicht oder allenfalls begrenzt regulieren könnten – trotz aller internationalen Abkommen. Dadurch wird es auch immer schwieriger, befriedigende Lösungen für soziale Fragen zu finden und den Ansprüchen der Menschen im Wandel gerecht zu werden. Gerecht werden, heißt einerseits, den Aufstieg des Populismus nicht nur als vorübergehenden Störfall des Systems zu sehen, sondern als Folge und „Marker“ eines epochalen Umbruchs zu verstehen, als „Konterrevolution gegen Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse“, sprich: als Reaktion auf fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Und das bedeutet, ihn als umfassende gesellschaftstheoretische Herausforderung ernst- und anzunehmen.

Der Wandel generiert einerseits eine verhältnismäßig kleine globale Oberschicht, die sich ihm mehr oder minder mühelos angepasst hat und durch die Welt fliegt oder per Videokonferenz in allen Ländern mitberät, mitentscheidet und mitverdient, ohne dass sie eine globale Verantwortung übernehmen müsste. Und auch jene jungen – nicht unbedingt reichen – Wähler, die sich transnational, kosmopolitisch orientieren, so wie viele Grünen-Sympathisanten und ´“Digital Natives“.

Auf der anderen Seite stehen sowohl Menschen in eher prekären Verhältnissen als auch Teile der alten bildungsbürgerlich-konservativen Elite. Die einen können  nicht einmal mehr einen bescheidenem Wohlstand aufbauen, weil der Einfluss von Volksparteien, Gewerkschaften und Tarifverträgen an den Landesgrenzen endet und ohnehin schwindet. Die anderen fürchten Status- und Kontrollverlust. Das aus der Aufklärung stammende Gesellschaftsmodell, in dem Individuen in freier Konkurrenz zueinander stehen, birgt einen permanenten Konflikt in sich, weil dieses Ideal individueller Freiheit viele Menschen erfolglos und damit zutiefst unglücklich und aufbegehrend zurücklässt. Und so rebellieren auch jene, die mit dem rasanten Abbau der alten, national ausgerichteten Industriemoderne hadern, wie eben Teile der alten bildungsbürgerlich-konservativen Elite. Nicht etwa Arbeitslosigkeit oder Armut beunruhigen diese vorrangig, sondern das Gefühl der Entfremdung, des Betrugs: Die Regeln, nach denen gespielt wird, sind nicht mehr die eigenen, sondern werden von oben oder außen oktroyiert, weshalb man befürchtet, ohne Chance aus dem Spiel gedrängt zu werden. Auch wenn das vielfach noch gar nicht so klar erkannt wird, so wird der Kontrollverlust dennoch gespürt, und es entwickelt sich vielfach ein unrealistisches Verlangen nach der Wiederherstellung der altbekannten nationalgesellschaftlichen Ordnung.

Die Konfliktlinie in der Gesellschaft verläuft genau hier, zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen und ihrem jeweiligen Zukunftsbild, so Koppetsch. Der rückwärtsgewandte Rechtspopulismus ist als komplexe soziale Gegenbewegung gegen die globale Moderne und der grundlegende und wahrscheinlich irreversible Effekt der forcierten Globalisierung nach 1989 zu verstehen. Und wenn die Autorin von einem neuen Klassenkampf spricht, dann argumentiert sie nicht orthodox-marxistisch, sondern hat ein Ringen um Meinungsmonopole, die sich unverträglich gegenüber stehen, im Blick.

Allerdings ist mittlerweile durchaus noch eine andere, sozusagen dritte Ausrichtung wahrzunehmen, die einige Elemente der beiden Konträrpositionen verbindet und sich von anderen distanziert. Sie rekrutiert sich vor allem aus jungen Erwachsenen der Mittelschicht, die sich nicht primär an Verteilungsfragen abarbeiten, sondern an der »Grammatik der Lebensformen« (Habermas 1981b: 576). Es geht vorrangig darum, den Einzelnen gegen die Unterwerfung unter die oft als übermächtig empfundenen gesellschaftlichen Institutionen zu verteidigen. Die Idee der Selbstbestimmung und die Verteidigung subjektiver Handlungsmöglichkeiten wird hochgehalten, sozusagen als Keim und Quelle der postindustriellen Gesellschaftsordnung der Gegenwart, die durch Netzwerke, Wissen, lebenslanges Lernen und den Aufstieg des Individualismus inmitten einer globalen kosmopolitischen Gemeinschaft geprägt ist. Allerdings passt auch eine solche Dauerreflexion und Dauerkritik nicht in das Bild der Rechtsbewegungen. Die setzen unbedingt auf feste Strukturen und klare Prinzipien. „Durch Barrierebildungen sollen vermeintlich sichere Orte und Räume abgeriegelt und Gefahren aus dem gesicherten Bereich herausgehalten bzw. gänzlich aus der Welt geschafft werden. Die Einmauerung schafft allerdings neue Dilemmata: Je eingemauerter oder eingezäunter eine Gemeinschaft ist, als desto feindlicher wird die Welt außerhalb wahrgenommen, was erneut das Sicherheitsbedürfnis erhöht, noch höhere Mauern nötig macht.“ Und weiteren Zorn entfacht und Wut schürt. Ein aussichtsloser Konflikt?

Wut und Zorn als thymotische Triebmittel, das propagierte Peter Sloterdijk schon 2006. Es kann also durchaus die Frage gestellt werden, ob nicht der aktuelle Zorn – zumindest teilweise – nicht nur berechtigt ist, sondern darüber hinaus auch etwas Positives zu bieten hat. Dafür plädierte Sloterdijk lange vor der aktuellen Rechtspopulismuswelle in seiner Publikation „Zorn und Zeit“. Er verwies auf die großen "Zorninstitutionen" der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sowie auf die Zorn-Ideologien der Aufklärung, etwa dem Freiheitskult der Französischen Revolution mit seinem Lieblingsinstrument Guillotine und dem Eroberungswahn Napoleons, sowie Zorn-Systemen des 20. Jahrhunderts, etwa dem des Kommunismus.

Allerdings bestätigt die aktuelle Entwicklung (noch?) nicht die Schlussfolgerung Sloterdijks, dass nämlich der Bankrott der großen Zornorganisationen gekommen sei und etwa die derzeitige Neuauflage des Islam mit seinen "Zorneinlagen" nichts weiter als ein provinzielles Possennachspiel, ein Medienspektakel von schlechten Verlierern der Geschichte sei. Große Politik geschehe heute ausschließlich noch im „Modus von Balanceübungen“.

Das, also der ausschließliche Modus von Balanceübungen, kann derzeit nicht als sichere Zukunftsoption wahrgenommen werden. Ziemlich sicher dagegen ist, dass uns konfliktreiche Zeiten bevorstehen. „Das muss nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht sein“, so die Autorin. Und ganz sicher ist, dass Cornelia Koppetschs Buch „Gesellschaft des Zorns“ eine der soziologisch fundiertesten, erhellendsten und daher beachtenswertesten Untersuchungen zu dem virulenten Thema Rechtspopulismus ist.


Cornelia Koppetsch: „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“
transcript Verlag, Bielefeld 2019. 282 S., br., 19,99 €
 


 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul