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Konvivialismus  -  Utopie guten  Zusammenlebens

 

im Angesicht von Klimakatastrophe und Finanzkrisen

 

Christa Tamara Kaul       |     29.11.2015

 

Konvivialismus? Das ist das Streben nach der Kunst, auskömmlich miteinander zu leben (con-vivere), den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig zu versorgen und nachhaltig um die Natur zu kümmern. Legitimen Konflikten muss dabei nicht zwangsläufig ausgewichen werden, doch sie sollen gewaltfrei gelöst werden. Dies ist der Kern des „Konvivialistischen Manifestes“ (2014 auf Deutsch erschienen), das angesichts des gegenwärtigen Zustandes unserer Welt im Zeichen von Armut, Hunger, wachsender sozialer Ungleichheit, Terrorismus und Klimakatastrophen zur Umkehr auffordert und entsprechende Debatten stimulieren will. Was ist dran an dem Aufruf und der Debatte darüber?
 


 

Neu ist die Erkenntnis wirklich nicht: Die Lebensräume und Ressourcen unserer Erde sind begrenzt und nicht unendlich ausbeutbar. Zudem spalten soziale Ungleichheit und Terrorismus Gesellschaften und Staaten. Spätestens seit 1972 ist durch den Bericht (Meadows et al. 1972) an den Club of Rome der prekäre Zustand unserer Erde weltweit bekannt. Doch waren der Klimawandel mit seinen ökologischen und sozialen Auswirkungen oder die dramatische Abnahme fossiler Ressourcen 1972 eher noch zukünftige Probleme, so sind sie mittlerweile alltägliche Realität.

 

Das heißt, dass wir mit der Lösung der Probleme auf globaler Ebene bisher nicht weit gekommen sind. Mensch und Natur stehen vielerorts am Rand des Ruins, Hunger und Vertreibungen sind immer noch alltäglich. Und das, obwohl ökologisch motivierte Bewegungen und Parteien in einer Vielzahl von Ländern in den letzten Jahrzehnte gegründet worden, weil  viele Menschen längst begriffen haben, dass großer Handlungsbedarf besteht. Gründe dafür sind in der sozialen Spaltung von Gesellschaften sowie in Terrorismus, Bürgerkriegen und ethnischen Auseinandersetzungen sowie bei korrupten Regierungen zu finden. Und die hehre Idee der Demokratie ist weltweit mehrheitlich keineswegs verwirklicht oder steht nur auf dem Papier.

 

Gegen den Primat des Utilitarismus und bedingungslosen wirtschaftlichen Wachstums
 

Um sich abzeichnende humanitäre und ökologische Katastrophen doch noch zu verhindern, müssten grundsätzliche Änderungen menschlichen Verhaltens, d.h. Reformen der gegenwärtigen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle so schnell wie möglich vorangebracht werden. Im Bewusstsein dieses prekären Ist-Zustandes entwickelte sich 2010 auf einen Kolloquium in Japan eine Initiative, die eine Zusammenfassung wesentlicher Kolloquimsbeiträge ein Jahr später unter dem Titel „De la convivialité. Dialogues sur la societé conviviale à venir“ veröffentlichte. Zusammen mit Alain Caillés kleinem Band „Pour un manifeste du convivialisme“ (ebenfalls 2011 erschienen) und vor allem unter starker Bezugnahme auf die Schriften von Ivan Illich gaben die Beiträge den Anstoß zur Debatte über den Konvivialismus,  Der österreichisch-amerikanische Philosoph und Soziologe Illich, ein scharfer Kritiker der modernen Technik- und Wachstumsgläubigkeit, hatte den Begriff der Konvivialität schon 1975 in seinem Buch »Selbstbegrenzung« (im Orig. „Tools for Conviviality“) geprägt. In seinem Gesellschaftsentwurf geht es darum, dass Menschen, Institutionen und Gesellschaften „vernünftige“ wirtschaftliche und technische Wachstumsbeschränkungen in die Tat umsetzen sollten, um dem – unter anderem von Erich Fromm propagierten – „Sein“ den Primat vor dem „Haben“ zu sichern.

 

Auf dieser Basis veröffentlichte  2014 eine Gruppe überwiegend französischer Intellektueller das „Konvivialistische Manifest“ (www.lesconvivialistes.fr), das eine positive Vision menschlichen Miteinander-Lebens (con vivere) postulliert..

Als die wesentlichen Ursachen der globalen Krisen markiert das Manifest die Herrschaft des utilitaristischen, also eigennutzorientierten Handelns und den bedingungslosen Glauben an die alternativlose  Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums. Serge Latouche, einer der Unterzeichner des Manifestes, setzt einen neuen ökonomischen circulus virtuosus des Maßhaltens mit acht Begriffen dagegen: neu bewerten, umdenken, umstrukturieren, lokalisieren, umverteilen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln. So könne sich ein friedliches Miteinander weltweit entwickeln. Dabei solle die Kontrolle über die gesellschaftlichen Werkzeuge gemäß der Forderung Ivan Illichs nicht in den Händen von „Infrastrukturen und Expertensystemen“ liegen, sondern in denen der Allgemeinheit.

Frank Adloff, der zusammen mit Claus Leggewie eine Reihe bemerkenswerter Debattenbeiträge zum Manifest in einem Band zusammengebracht hat, stellt in der Einleitung des  Buches drei zentrale Forderungen des Manifestes heraus:


1. Es ist die Maßlosigkeit zu bekämpfen, um die Spaltung zwischen extremer Armut und extremen Reichtum zu vermeiden.
2. Zwischen den Nationen soll ein Maximum an Pluralismus und Gleichheit hergestellt werden.
3. Die Autonomie der Gesellschaft ist gegenüber zu starker staatlicher Regulierung zu fördern, zivilgesellschaftliche Assoziationen (Genossenschaften, Kooperativen, NGOs, Fair Trade usw.) sind als Basis für eine Abkehr von der Ökonomisierung. Nur so sei Konvivialität erreichbar.

Das politische Spektrum der Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich auf den Text des Manifestes einigen konnten, reicht vom Linkskatholizismus über sozialistische und alternativ-ökonomische Perspektiven von Attac bis hin zu Intellektuellen aus dem Umfeld des Poststrukturalismus. Manche der relativ vagen Formulierungen erinnern an ehemalige sozialistische Utopien.
 

 


Was tun?

Von eigenem Reiz ist auch gerade deshalb der Titel des vorletzten Absatzes des Manifestes: „Was tun?“ Genau so lautet auch der Titel von Lenins Hauptwerk. Lenin hatte den Titel seinerseits übernommen, und zwar von dem gleichnamigen, 1863 erschienenen Roman Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis, einem von ihm hoch geschätzten russischen Autor. Tschernyschewski legte im Rahmen dieses Romans die „Phantasmagorie“ dar, wie idealistische Menschen die Welt im Kleinen verändern können. In der sowjetischen Ideologie wurde einer der Protagonisten des Romans, Rachmetow, zum Prototyp des perfekten sozialistischen Menschen, zum Idealtypus des Berufsrevolutionärs stilisiert. Lenin entwickelte in seinem gleichnamigen Werk die Theorie der „Avantgarde des Proletariats“, die allerdings aufgrund intellektueller Defizite der Arbeiterklasse nicht ohne die Zusammenarbeit mit dem Bildungsbürgertum verwirklicht werden könne. In dem ebenfalls „Was tun?“ überschriebenen vorletzten Absatz des Manifestes ist von Revoluzzertum in diesem Sinn allerdings nichts zu erkennen. Und doch fällt es schwer zu glauben, dass diese Titelgleichheit dem Zufall geschuldet sein soll.

So umfangreich und präzise der prekäre Ist-Zustand unserer Welt und ihrer Gesellschaften beschrieben wird, so verhältnismäßig knapp und gleichzeitig weit auslegbar sind die Vorschläge zur Problemlösung formuliert. Im wohl verstandenen Sinn sind sie naiv. So naiv wie etwa der christliche Anspruch, die Herrschaft des utilitaristischen, eigennutzorientierten Denkens und Handelns durch Nächstenliebe zu überwinden und so die Welt zu einem besseren Ort machen zu können. Allerdings verstehen sie sich auch nicht als unmittelbar umsetzbare politische Gesetzesvorlagen, sondern vielmehr als aufrüttelnde Anregung für weiterführende Fachdebatten. Eine Auswahl von auf das Konvivialistische Manifest bezugnehmenden Debattenbeiträgen haben Frank Adloff unf Claus Leggewie als Herausgeber des im Transcript Verlag erschienenen Bandes „Konvivialismus. Eine Debatte“  veröffentlicht. Deren Lektüre bietet manchen Erkenntnisgewinn hinsichtlich konvivialistischer Problemlösungen.


Konvivialismus. Eine Debatte

Hrg. Frank Adloff und Claus Leggewie

transcript Verlag, 09/2015, 264 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-3184-5

 

http://www.diekonvivialisten.de/manifest.htm

 

 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul