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Wladimir Kaminer:

Die Reise nach Trulala
Goldmann/Manhattan, 2002, gebunden, ISBN: 3-442-54542-0

 

 

 

  

 

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Wladimir Kaminer:  Die Reise nach Trulala

 

Unterwegs im Kopf und im Leben

 

Von Christa Tamara Kaul

 

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen! Für diese gesicherte Volksweisheit liefert Wladimir Kaminer in seinem neuen Buch mannigfache Beweise. Und was er alles erzählen kann! Spielt es da eine Rolle, dass seine Reisen, Individualtourismus in Reinkultur, nicht immer mit dem Auto, der Eisenbahn oder dem Flugzeug unternommen werden?

 

In der Vorbereitungsphase und mittels der Vorstellungskraft, die sich nicht selten aus den Erlebnissen und Ratschlägen von Bekannten speist, werden die ersehnten Reiseziele oft bereits so intensiv  e r f a h r e n, dass sich das H i n f a h r e n schließlich erübrigt. Kaminer offenbart mit stilistischer Schwerelosigkeit so viel Unerwartetes, Überraschendes und Unbekanntes über Paris, Amerika, Dänemark, die Krim und  Sibirien - und nicht zuletzt seine Wahlheimat Berlin, dass der Leser mit vielen völlig neuen Erkenntnissen und Einsichten so manchen Winkel dieser Welt mit anderen Augen sehen muss, staunend, augenzwinkernd.

 

Die anscheinend so seltenen skurrilen Typen und kuriosen Situationen sind wohl so selten gar nicht, nur: Kaminer hat einen Blick dafür. Und kann sie dermaßen lakonisch pointiert und mit absolut trockenem Witz beschreiben, dass seine Geschichten derzeit ohne wirklichen Vergleich existieren können. Wahrscheinlich liegt es mit daran, dass er vor zehn Jahren noch kein Wort Deutsch verstand, geschweige denn schrieb. So verfügt er nicht nur über eine ganz eigene Sichtweise  -  die eines inzwischen in Deutschland beheimateten und im Literaturbetrieb und in der deutschen Sprache etablierten Russen. Er kann auch Zugänge zu Menschen und Szenen bieten  - beispielsweise den Aufenthalt in einem Asylantenheim, die sich dem Durchschnittsbürger im realen Leben nicht von innen erschließen. Es dürften die Wurzeln seines unverwechselbaren Stils sein. 

 

Anders ist es kaum zu erklären, wie er so unterschiedliche Sonderlinge aufspürt und beschreiben kann wie den grünen Bundestagsabgeordneten, der mit dem Fahrrad nach und durch Sibirien fährt, den Studenten, der auf der Krim nach der Absturzstelle von Joseph Beuys sucht oder über die in der sibirischen Steppe extra gebaute Attrappe von Paris, in die ehedem verdiente sowjetische Bürger zum Pseudo-West-Aufenthalt gekarrt wurden. Fast jede Geschichte erhält ihre eigene Pointe. Und so sind diese Geschichten nicht nur eine Labsal für trübe Gemütslagen, die sie deutlich aufhellen werden, sondern lassen sich auch gut immer mal wieder lesen, ohne beim zweiten Mal langweilig oder weniger amüsant zu werden. Ausnahme ist allenfalls die "Verdeckung Amerikas", die Beschreibung der USA-Sucht der Jugend in der ausgehenden Sowjetzeit. Die kann man sich als Wiederholung sparen.

 

Ausführliche Rezension auf Anfrage!

 

Textauszug: In Wirklichkeit ist die Krim eine ziemlich finstere Gegend. Wie in jedem Touristenort wird die Bevölkerung dort von den Erholungssüchtigen ausgebeutet und umgekehrt. Die Krimbewohner haben über die Jahrtausende eine Hassliebe zu ihren Gästen entwickelt. Sie hassen die Touristen, weil sie die Ökologie der Insel zerstören und die Einheimischen nachts mit ihren Partys terrorisieren. Ende August wird es besonders schlimm. Dann greift die einheimische Jugend zu Hieb- und Stichwaffen und geht auf Touristenjagd. Fast immer kommt sie mit toller Beute zurück, und dafür liebt sie dann wieder die Touristen, weil sie die einzige Quelle des Wohlstandes sind. Aus dieser Hassliebe heraus vermieten die Einheimischen selbst Übernachtungsmöglichkeiten in Hühnerställen für zehn Dollar am Tag, außerdem versuchen sie noch, jedem Gast ihre selbst genähten Tischdecken als Volkskunst zu  verkaufen. Doch der Hauptgrund für die Verdorbenheit der Inselbewohner ist der Umstand, dass sie die Einzigen sind, die sich keinen Urlaub auf der Krim gönnen können. Sie leben ja dort. ....

 

Die Geschichte  von Beuys' Absturz auf er Krim war mir nicht ganz unbekannt. Im Zweiten Weltkrieg war der Künstler Bordschütze in einem Flugzeug gewesen, das 1944 abgeschossen wurde und auf die Halbinsel stürzte. Der Pilot kam dabei ums Leben, der schwer verletzte Schütze Beuys wurde laut einer von ihm selbst später verbreiteten Legende von der dortigen Bevölkerung freundlich aufgenommen und geheilt.  ...............

 

Eine Bekannte von mir, auch eine Kunstwissenschaftlerin, stellte einmal die These auf, dass das Flugzeug von Beuys 1944 von Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen wurde, der etwa zu diesem Zeitpunkt auch mit einem Flugzeug unterwegs war und die Orientierung verloren hatte.

 

Autorenportrait:  Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. In seinem Stadtteil Prenzlauer Berg wurde er zur Kultfigur.  Kaminer veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften, u.a. in FAZ und taz, hat eine wöchentliche Sendung namens "Wladimirs Welt" beim SFB4 Radio MultiKulti, wo er jeden Samstag seine Notizen eines Alltags-Kosmonauten zu Gehör bringt, und er organisiert im Kaffee Burger Veranstaltungen wie seine inzwischen legendär berüchtigte "Russendisko". Mit der gleichnamigen Erzählsammlung avancierte das kreative Multitalent über Nacht zu einem der beliebtesten und gefragtesten Jungautoren in Deutschland.  >> zurück zum Anfang

 

 

Kaminer, Wladimir: Die Reise nach Trulala.
Goldmann/Manhattan, 2002, gebunden, ISBN: 3-442-54542-0

www.randomhouse.de/manhatten/

 

 

Kaminer, Wladimir: Russendisko
Goldmann/Manhattan. 11. Aufl. 2000, gebunden, ISBN: 3-442-54519-6

 

 

 

Kaminer, Wladimir: Russendisko
Goldmann Verlag, Goldmann Taschenbücher Bd.54175, 2002, kartoniert, ISBN: 3-442-54175-1

www.randomhouse.de/goldmann/

 

 

 

© Christa Tamara Kaul